FoNA21 Sommerakademie 2026: Neue Perspektiven auf jüdisches Leben in Deutschland

Die Vielfalt der jüdischen Lebenswelten verstehen, erforschen, vermitteln – zu diesem Thema richtete Anfang September 2026 das Forschungsnetzwerk Antisemitismus im 21. Jahrhundert (FoNA21) eine Sommerakademie aus. An der TU Berlin führte sie Wissenschaft, Bildungsarbeit und gesellschaftliche Praxis zusammen – und bot Raum für unterschiedliche Blickwinkel.

Podiumsdiskussion bei der FoNA21 Sommerakademie 2026 an der TU Berlin

FoNA21 Sommerakademie 2026 zum Thema Jüdische Lebenswelten in Deutschland am 7. und 8. September 2026 an der TU Berlin. Podium mit: Dr. Nora Pester, Monty Ott, Prof. Dr. Lea Wohl von Haselberg, Alexandra Farkas Bandl und Dr. David Kowalski Moderation: Adina Stern und Dr. Olaf Glöckner.

Im Interview: Adina Stern und Monika Schärtl, Koordinatorinnen von FoNA21 am Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) der Technischen Universität Berlin

Gegründet wurde FoNA21 Ende 2021 im Rahmen des BMFTR-Förderprogramms „Aktuelle Dynamiken und Herausforderungen des Antisemitismus“. Als Begleitvorhaben macht es Forschungsprozesse und Ergebnisse der BMFTR-Forschungsverbünde für die Praxis der Zivilgesellschaft bestmöglich nutzbar. Zugleich bringt es die am FoNA21 beteiligten Forschungsverbünde und ihre verschiedenen wissenschaftlichen Ansätze in einen konstruktiven Austausch. In der ersten Förderphase hat es zehn BMFTR-Projekte begleitet, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven und Fragestellungen mit den Ursachen, Hintergründen und Erscheinungsformen des gegenwärtigen Antisemitismus in Deutschland befassen. In der zweiten Förderphase weitet FoNA21 als Begleitvorhaben seine Arbeit aus – mit 13 neuen BMFTR-Einzel- und Verbundprojekten.

FoNA21 hat sich zu einem größeren, zunehmend international ausgerichteten Verbund entwickelt, der Forschung, Praxis und Zivilgesellschaft enger miteinander verknüpft. Welche Rolle spielen die Sommerakademien für den Transfer, Frau Schärtl?

Schärtl: Die Sommerakademien waren von Anfang an darauf ausgerichtet, wissenschaftliche Fragestellungen und Erkenntnisse aus den Projekten des Förderprogramms öffentlich zu präsentieren und in den dialogischen Prozess mit Akteurinnen und Akteuren von Politik, Bildung und Zivilgesellschaft zu bringen. Wir freuen uns sehr darüber, dass es mit den nunmehr vier Sommerakademien, die übrigens immer in Kooperation mit dem Moses Mendelssohn Zentrum konzipiert und organisiert werden, gelungen ist, insbesondere Multiplikatorinnen und Multiplikatoren anzusprechen, was zu einer größeren Reichweite führt.

Bei der Sommerakademie 2026 stellten Projekte aus beiden BMFTR-Förderlinien ihre Erkenntnisse zur Diskussion (siehe Programm). Welche neuen Perspektiven auf Antisemitismus und die Antisemitismusprävention waren aus Ihrer Sicht besonders relevant, Frau Stern?  

Stern: Anders als in den Vorjahren war das diesjährige Programm nicht ausschließlich auf Themen der Antisemitismusforschung ausgerichtet, sondern nahm vielmehr die vielfältigen Lebensrealitäten von Jüdinnen und Juden in Deutschland in den Blick. Gerade die letzten Monate haben gezeigt, wie hochpolarisiert und emotionalisiert das Sprechen über Antisemitismus ist und die Betroffenen vor allem in ihrer Betroffenheit thematisiert oder sogar instrumentalisiert und vereinnahmt werden. Deshalb war es uns wichtig, die Vielfalt an Lebensentwürfen, Standpunkten und Empowerment sichtbar zu machen. Und natürlich gab es auch wieder zahlreiche Workshops zu verschiedenen Themen, wie etwa jüdische Erfahrungen in jüdisch-nichtjüdischen und jüdisch-muslimischen Begegnungsprojekten, zur Darstellung von Judentum und Israel in Schulbüchern aber natürlich auch zu Antisemitismusprävention in der schulischen und außerschulischen Bildung.

Lässt sich das denn anhand der geförderten Projekte abbilden?

Schärtl: Wie auch in den Vorjahren haben wir die Angebote aus den Projekten durch eine Vielzahl an Akteurinnen und Akteuren aus der Forschung und der außerschulischen Bildungsarbeit erweitert, über deren Teilnahme wir sehr dankbar sind. Aber ja, auch in den Projekten stehen Fragen, die die jüdischen Lebensrealitäten betreffen oder konkret aufgreifen im Fokus, wenn zum Beispiel das Bild von Jüdinnen, Juden, Judentum und Israel im Schulbuch oder die Mehrfachdiskriminierung der postmigrantischen jüdischen Community, die inzwischen einen großen Teil der jüdischen Gemeinschaft ausmachen, untersucht werden. Oder auch Fragen zu Bedingungen der Sicherheit von jüdischen Personen und Einrichtungen.

Frau Stern, Sie sagten eben, dass die Polarisierung der letzten Monate für Sie bei der Wahl dieses Themas ausschlaggebend waren. Können Sie das vielleicht noch etwas ausführen?

Stern: Der Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023, der anschließende Krieg in Gaza und die seitdem anhaltenden politischen Folgen haben nicht nur in der deutschen Öffentlichkeit zu heftigen, teils sehr gegensätzlichen Reaktionen geführt, sondern wurden und werden auch von Jüdinnen und Juden in Deutschland sehr kontrovers diskutiert. Letzteres wird jedoch von den sich lautstark manifestierenden Lagern in der Regel nicht wahrgenommen. Während die eine Seite vor allem die palästinensische Perspektive in den Mittelpunkt stellt, konzentriert sich die andere fast ausschließlich auf die israelische. Dabei wird auf beiden Seiten – bewusst oder unbewusst – auch mit antisemitischen Sprach- und Denkmustern gearbeitet. Unser Ansatz war deshalb, eine möglichst große Bandbreite jüdischer Perspektiven einzuladen und miteinander ins Gespräch zu bringen. So waren der Zentralrat der Juden ebenso vertreten wie der Verein Gesellschaft im Wandel, Makkabi Deutschland ebenso wie die traditionsreiche jüdisch-sozialistische Jugendbewegung Hashomer Hatzair oder das jüdisch-muslimische Begegnungsprojekt Meet2Respect ebenso wie der jüdisch-queere Verein Keshet.

Und natürlich war der 7. Oktober 2023 auch eine Zäsur für das Lebens- und Sicherheitsgefühl der meisten Jüdinnen und Juden, sowohl aufgrund des ansteigenden Antisemitismus als auch durch die enorme politische Aufgeladenheit des Themas. Das wurde unter anderem auf den Podien und im Vortrag von Friederike Lorenz-Sinai und Marina Chernivsky, der sich ausdrücklich mit den Erfahrungswelten und Deutungen von Jüdinnen und Juden zum Thema Sicherheit nach dem 7. Oktober beschäftigte, sehr deutlich.

Welche Formate haben sich bei der Sommerakademie beim Wissenstransfer zwischen Forschung und Praxis bewährt?  

Stern: In diesem Jahr waren es vor allem die beiden Podien, die durchaus kontrovers besetzt waren und gerade dadurch die Bandbreite jüdischer Perspektiven sichtbar gemacht haben. Beim ersten Podium ging es unter dem Titel „Ein ‚neues Judentum‘ in Deutschland?“ um Migration, Transformation, Konflikte und die Vielfalt jüdischen Lebens seit den 1990er Jahren. Hier trafen unterschiedliche religiöse Strömungen auf Perspektiven aus Bildungsarbeit, jüdischen Institutionen und der Wissenschaft. So kamen verschiedene Erfahrungen, Positionen und Vorstellungen davon miteinander ins Gespräch, wie sich jüdisches Leben in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat.

Das zweite Podium „Generation Zukunft“ richtete den Blick stärker auf die Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland. Auch hier kamen sehr unterschiedliche Positionen und Erfahrungshintergründe zusammen – aus Wissenschaft und Bildungsarbeit, politischem und queer-jüdischem Engagement sowie aus Literatur, Verlagswesen, Film und Medien.

Diese Bandbreite ermöglichte eine Diskussion, die weit über das Thema Antisemitismus hinausging. Im Mittelpunkt stand vielmehr die Frage, wie Jüdinnen und Juden ihre gesellschaftliche Gegenwart und Zukunft selbst gestalten wollen. Dabei wurden auch Entwicklungen in Israel, unterschiedliche Beziehungen zu Israel sowie Kritik, Sorge und Enttäuschung durchaus kontrovers diskutiert.

Welche Impulse konnte die Sommerakademie 2026 für Bildungsarbeit, Prävention und politische Praxis geben? Und umgekehrt – wie fließen Impulse aus der Praxis in die Forschung ein?

Stern: Die Sommerakademien sind sowohl Bildungsort als auch Räume für Austausch und Begegnung. Gerade, da sich das Publikum aus Multiplikatoren und Akteuren unterschiedlicher Einrichtungen und Organisationen zusammensetzt, bildet dieser Aspekt einen wichtigen Teil, der auch zu weiterführenden Kontakten führt. Gleichzeitig bieten aber auch die Workshops und Seminare die Möglichkeit für einen vertieften Einblick und den intensiven Austausch, die dann nicht nur den Teilnehmenden, sondern auch den Referentinnen und Referenten Impulse für die weitere Arbeit geben. Natürlich auch, weil die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Regel selbst Vorwissen und eigene Erfahrungen mitbringen.

Besten Dank für Ihre Einblicke, Frau Stern und Frau Schärtl!

(Das Interview erfolgte schriftlich am 7.Oktober 2026, Fragen: Katrin Schlotter)

BMFTR-Förderrichtlinien zu den Ursachen und Dynamiken des aktuellen Antisemitismus  

In der ersten Förderrichtlinie „Aktuelle Dynamiken und Herausforderungen des Antisemitismus“ hat das BMFTR von 2021 bis 2026 zehn Forschungsverbünde und ein Metavorhaben gefördert. Die zweite Förderrichtline „Ursachen und Dynamiken des aktuellen Antisemitismus“ (2026 bis 2030) zielt darauf ab, die Wissensbasis und das Verständnis zum Phänomenbereich Antisemitismus in seinen aktuellen Ausprägungen weiter zu vertiefen. Ein Ziel der Richtlinie ist es, Antisemitismus durch wissenschaftliche Forschungsprojekte mit Praxisbezug zu erkennen, zu analysieren und daraus gegebenenfalls auch praxisrelevante Empfehlungen zu entwickeln.
In der zweiten Fördermaßnahme forschen 13 Einzel- und Verbundvorhaben zu aktuellen Herausforderungen des Antisemitismus für die Gesellschaft (siehe Übersicht). Das wissenschaftliche Begleitvorhaben „Forschungsnetzwerk Antisemitismusforschung im 21. Jahrhundert“ (FoNA21) setzt seine erfolgreiche Vernetzungs- und Transferarbeit aus der ersten Förderrichtlinie fort: Es unterstützt die Vorhaben der Förderrichtlinie mit Kommunikations- und Kollaborationsformaten, baut die nationale und internationale Vernetzung aus und ist weiterhin Ansprechpartner für Politik, Gesellschaft und Forschung.

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