Wie Corona unser soziales Miteinander veränderte: Ergebnisse aus dem BMFTR-Projekt CoESI
Welche Spuren hat die Corona-Pandemie im sozialen Leben hinterlassen – und was folgt daraus? Diese spannende Frage stand bei der Online-Abschlussveranstaltung des CoESI-Projekts Ende November 2025 zur Diskussion. Hier erste Ergebnisse.
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Dr. Oliver Huxhold, CoESI-Projektleiter, Psychologe und Forschungsleiter für Gesundheit und soziale Beziehungen am Deutschen Zentrum für Altersfragen.
Während die kurzfristigen Folgen der Pandemie gut erforscht sind, fehlten bislang umfassende Erkenntnisse zu den langfristigen Auswirkungen auf soziale Integration. Genau das hat das CoESI-Forschungsteam am Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA) seit Februar 2023 untersucht. Im Fokus stand die Frage, wie sich die Pandemie und die damit verbundenen Maßnahmen langfristig auf die soziale Integration von Menschen in der zweiten Lebenshälfte in Deutschland ausgewirkt haben.
Als Grundlage dienten die repräsentativen Daten des Deutschen Alterssurveys mit rund 5.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Erfasst wurden fünf Messzeitpunkte, die unterschiedliche Phasen des Pandemiegeschehens in Deutschland abdecken: vor Ausbruch der Pandemie 2017, im Krisensommer 2020, während des anhaltenden Drucks 2021/22, in der Übergangsphase 2022/23 und in der neuen Normalität 2023/24
CoESI hat soziale Integration systematisch auf drei Ebenen analysiert: enge Unterstützungsbeziehungen, weiter gefasste Netzwerke sowie Teilnahme an Gruppenaktivitäten. Damit hat das Projekt sowohl familiäre Bindungen als auch Freundschaften, Nachbarschaftskontakte und das Engagement in Gruppen oder Vereinen in den Fokus gerückt. Zugleich hat das CoESI-Team analysiert, wie soziale Ungleichheiten – etwa Bildung, Gesundheit oder finanzielle Lage – Einfluss auf den Umgang mit pandemiebedingten Belastungen nehmen. „Soziale Benachteiligung wirkte während der Pandemie als entscheidender Risikofaktor: Menschen mit niedrigem sozioökonomischem Status waren nicht nur stärker betroffen, sondern konnten die pandemiebedingten Einbußen auch langfristig schlechter ausgleichen“, erläutert Dr. Oliver Huxhold, CoESI-Projektleiter am Deutsches Zentrum für Altersfragen.
Forschung zu Wohlbefinden, Einsamkeit und Teilhabe
Dr. Nadiya Kelle, stellvertretende CoESI-Projektleiterin, Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Zentrum für Altersfragen
Christoph Soeder
Die bisherigen Ergebnisse zeichnen ein differenziertes Bild: Familiäre und enge persönliche Beziehungen, insbesondere mit Blick auf die Enkelbetreuung, erwiesen sich als erstaunlich stabil. Die Enkelbetreuung war förderlich für das Wohlbefinden von Großeltern, sorgte für geringere Einsamkeit und brachte keinen erhöhten Stress. Ein weiteres Ergebnis: In der Pandemie (Winter 2020/21) verstärkte sich die Bedeutung von Enkelbetreuung für das Wohlbefinden.
Ebenso wichtig sind Freundschaften, Nachbarschaftskontakte und Tätigkeiten in Gruppen oder Vereinen. Sie spielen eine wesentliche Rolle für das Wohlbefinden, insbesondere in späteren Lebensphasen und insbesondere für Menschen mit niedrigem sozio-ökonomischen Status. CoESI richtete den Fokus auf ehrenamtliches Engagement, weil es im besonderen Maße die Formierung loser Beziehungen begünstigt. So zeigte sich in ersten Pandemiejahr keine Abnahme der Ehrenamtsbeteiligung in der zweiten Lebenshälfte. Das gilt allerdings nicht für alle Bevölkerungsgruppen. Beispielsweise hat sich bei Menschen mit niedriger Bildung die Gruppe von Nicht-Engagierten vergrößert. Mit Blick auf die Schutzfunktion vom Ehrenamt für das Wohlbefinden kamen die CoESI-Forschenden zu folgendem Ergebnis: Ehrenamt schützte zu Beginn der Pandemie zwar nicht vor Einsamkeit, sorgte aber dafür, sich als Teil der Gesellschaft zu verstehen.
„Diverse Netzwerke sind besonders wichtig in der Pandemie: Um Einsamkeit zu verhindern oder abzuschwächen, scheinen enge Bindungen wichtig zu sein. Um das Gefühl gesellschaftlich ausgeschlossen zu sein zu verhindern oder abzuschwächen, scheinen lose Bindungen wichtig zu sein“, fasst Dr. Nadiya Kelle, stellvertretende Projektleiterin zusammen. Die finalen Studienergebnisse werden im Juni 2026 vorliegen.
Damit leistet CoESI einen wichtigen Beitrag: Die Erkenntnisse haben nicht nur das Ausmaß pandemiebedingter Veränderungen wissenschaftlich analysiert und sichtbar gemacht, sondern helfen auch dabei, zukünftige Maßnahmen zur Stärkung sozialer Integration und Teilhabe gezielt auszubauen. „Auf unserer Abschlussveranstaltung wurde besonders deutlich, wie groß der gesellschaftliche Bedarf ist, unsere Erkenntnisse in konkrete sozialpolitische Handlungsansätze zu übersetzen“, betont Huxhold.
BMFTR-Projekt CoESI (Folgen der Corona-Pandemie für die Entwicklung sozialer Integration im mittleren und höheren Erwachsenenalter)
Ziel des Vorhabens des Deutschen Zentrums für Altersfragen ist es, Veränderungen der sozialen Integration von Menschen in der zweiten Lebenshälfte während und nach der Corona-Pandemie zu erforschen. Dazu werden drei Bereiche sozialer Integration anhand soziologischer, sozialpsychologischer und gesundheitspsychologischer Ansätze betrachtet: enge Unterstützungsbeziehungen, weiter gefasste Netzwerke sowie Teilnahme an Gruppenaktivitäten. Im Fokus stehen erstens das Ausmaß der Betroffenheit in diesen drei Integrationsbereichen, zweitens Auswirkungen pandemiebedingt veränderter Integration auf Einsamkeitserleben, subjektives Wohlbefinden und Gesundheit sowie drittens Faktoren, die soziale Integration nach dem Abklingen der Pandemie ermöglichen oder erschweren. Die besondere Rolle sozialer Ungleichheit wird bei allen drei Fragestellungen berücksichtigt. Neben eigenen Erhebungen werden die Paneldaten des Deutschen Alterssurveys genutzt.
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