EHRI-DE: Holocaust-Forschung dauerhaft vernetzt

Mit der European Holocaust Research Infrastructure (EHRI-ERIC) wurde 2025 eine dauerhafte europäische Forschungsinfrastruktur gegründet, um die Forschung, Dokumentation und Vermittlung zum Holocaust international zu vernetzen. Deutschland gehört zu den zehn Gründungsmitgliedern des EHRI-Konsortiums. 

Unterzeichnung einer gemeinsamen Erklärung der Mitgliedsstaaten im POLIN-Museum

Aus EHRI wird EHRI-ERIC: Am 26. Januar 2025 – dem Vorabend des Holocaust-Gedenktages – fand im POLIN-Museum in Warschau aus diesem Anlass die feierliche Unterzeichnung einer gemeinsamen Erklärung der Mitgliedsstaaten statt.

POLIN-Museum 

Seit Februar 2026 wird die Koordination des deutschen EHRI-Knotens (EHRI-DE) am Zentrum für Holocaust-Studien des Instituts für Zeitgeschichte in München vom BMFTR gefördert. Ziel ist, Archivbestände und Forschungsdaten digital zu bündeln und zugänglich zu machen, internationale Kooperation zu stärken und Forschung langfristig institutionell abzusichern.

Acht Jahrzehnte nach der Befreiung von Auschwitz steht die Erinnerungskultur an einem Wendepunkt. Persönliche Zeugnisse werden seltener. Zugleich verbreiten sich Falschinformationen, Relativierungen und antisemitische Narrative im digitalen Raum. In diesem Umfeld sind verlässliche, wissenschaftlich erschlossene Quellen von zentraler Bedeutung. Sie ermöglichen es, historische Ereignisse nachvollziehbar zu dokumentieren, Narrative kritisch zu prüfen und Forschung transparent zu machen. EHRI-ERIC setzt genau hier an: Die europäische Forschungsinfrastruktur bündelt international verstreute Quellen zum Holocaust, vernetzt Archive und Forschungseinrichtungen und schafft so einen dauerhaften Rahmen für internationale Kooperation.

EHRI-ERIC – europäische Holocaust-Forschung

Gruppenbild

Im BMFTR im Mai 2026: Prof. Dr. Andrea Löw, Wissenschaftliche Leiterin des Zentrums für Holocaust-Studien, IfZ-Standort München, Dr. des. Johannes Meerwald, Wissenschaftlicher Projektkoordinator der European Holocaust Research Infrastructure in Deutschland (EHRI-DE), und Prof. Dr. Isabel Heinemann, Direktorin des Instituts für Zeitgeschichte München−Berlin.

Isabel Heinemann

Im Januar 2025 wurde die European Holocaust Research Infrastructure durch die Europäische Kommission offiziell als europäisches Forschungsinfrastruktur-Konsortium, als sog. ERIC (European Research Infrastructure Consortium) gegründet. Damit erhielt der Verbund nach mehr als einem Jahrzehnt projektbasierter Zusammenarbeit eine dauerhafte rechtliche und organisatorische Grundlage (siehe GSW-Beitrag). Deutschland ist eines der Gründungsmitglieder von EHRI-ERIC und zugleich einer der größten Mittelgeber.

EHRI-ERIC steht für digitale Zugänglichkeit und internationale Vernetzung. Das Konsortium entwickelt Online-Dienste, Datenbanken und Vermittlungsformate, die weltweit verstreute Archivbestände, Expertisen, Metadaten und Forschungsergebnisse zusammenführen. Historikerinnen und Historiker können so Quellen europaweit recherchieren, vergleichen und in neue Kontexte stellen – weit über nationale Grenzen hinaus. Damit leistet die Forschungsinfrastruktur einen wichtigen Beitrag, um Holocaust-Leugnung und Antisemitismus zu bekämpfen und stattdessen Holocaust-Forschung, -Bildung und -Erinnerungsarbeit zu stärken.

Kernstück ist das EHRI-Portal: Das Onlineportal öffnet den Zugang zu Archivbeständen zum Holocaust, die weltweit verstreut in Institutionen innerhalb und außerhalb Europas lagern. Forschende finden dort eine Fülle an Ressourcen: Länderberichte, ein Archivverzeichnis und digitale Editionen historischer Quellen., eine zentrale Rechercheplattform, die Bestandsbeschreibungen aus zahlreichen Archiven zusammenführt. Hinzu kommen digitale Editionen, geobasierte Repositorien und ein wissenschaftlicher Blog, der einzelne Dokumente kontextualisiert und interpretiert. So entsteht ein virtueller Forschungsraum, der physische Archive ergänzt, aber nicht ersetzt. EHRI-ERIC versteht sich außerdem auch als Forschungsnetzwerk, das sowohl Expertinnen und Experten als auch Fachwissen und neue Forschungsansätze über nationale Grenzen hinweg vernetzt. Durch Programme wie das Conny-Kristel-Fellowship fördert EHRI-ERIC die internationale Mobilität und hilft dadurch, grenzübergreifende Kooperationen aufzubauen und   methodische Kompetenzen in der internationalen Holocaustforschung zu vertiefen.

Start für EHRI-DE in München

Logo Institut für Zeitgeschichte in München

Am 1. Februar 2026 begann ein neues Kapitel der Holocaust-Forschung in Deutschland: Das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München erhielt den Förderbescheid für EHRI-DE, den deutschen Koten des EHRI-Netzwerks. Gefördert vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) wird EHRI-DE am dortigen Zentrum für Holocaust-Studien (ZfHS) in enger Kooperation mit mehreren Partnerinstitutionen aufgebaut.

„EHRI-DE stellt verlässliche Informationen und Quellen zum Holocaust zur Verfügung, was angesichts immer mehr kursierender Fake-Bilder und -Quellen kaum überschätzt werden kann. Zudem schafft EHRI-DE Netzwerke im In- und Ausland, bringt Forschende und Institutionen zusammen. In Zeiten eines international vielerorts zu beobachtenden Rechtsrucks sowie der Relativierung der Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocaust, auch in Deutschland, sind die Quellen, historisches Wissen und die hier geschaffenen Netzwerke von immenser gesellschaftlicher Bedeutung“, sagt Andrea Löw, Leiterin des Zentrums für Holocaust-Studien und des Projekts EHRI-DE.

Das IfZ in München ist bereits seit 2010 in das EHRI-Netzwerk eingebunden und hat insbesondere mit seinem Zentrum für Holocaust-Studien die bisherigen Projektphasen maßgeblich geprägt: In der Phase EHRI-3 koordinierte das IfZ unter anderem internationale Fortbildungsprogramme, integrierte holocaustrelevante Bestände deutscher Archive in das Portal und kuratierte digitale Editionen.

Mit EHRI-DE übernimmt das IfZ nun eine Schlüsselrolle: „Mit EHRI-DE arbeiten wir verstärkt an nachhaltigen Kooperationen, strategischem Aus- und Aufbau sowie langfristiger Sicherung digitaler Angebote. Ziel ist es, vorhandene Kompetenzen dauerhaft zu bündeln, die deutsche Forschungslandschaft noch enger in das europäische Netzwerk einzubinden und innovative Projekte in Deutschland und darüber hinaus auf den Weg zu bringen“, erläutert Johannes Meerwald, Nationaler Koordinator von EHRI-DE.

Zukunftsweisende Pläne

Logo EHRI-DE

EHRI-DE wird sich aktiv an der inhaltlichen Weiterentwicklung des EHRI-Portals beteiligen, das weltweit verstreute, Holocaust-bezogene Bestandsbeschreibungen verknüpft. Auch das transnationale Conny‑Kristel Fellowship‑Programm wird fortgesetzt. Zudem soll das Netzwerk der teilnehmenden Institutionen in Deutschland (aktuell sechs Institutionen) weiter ausbaut werden. Ein neues Portal wird auf den Weg gebracht: EHRI-DE wird bestehende Metadaten von Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung in Deutschland unterschiedlicher Provenienz aufbereiten, miteinander vernetzen und durch föderierte Suchen zugänglich machen. „Durch diesen zentralen Zugang zu standardisierten Personendaten bietet EHRI-DE eine gemeinsame Plattform und Datenbasis für Forschung sowie Erinnerungs- und Vermittlungseinrichtungen sowie eine interessierte Öffentlichkeit“, betont Meerwald. Darüber hinaus haben wir uns zum Ziel gesetzt, mit Workshops und Seminaren die Vermittlung der Geschichte des Holocaust in Deutschland nachhaltig zu stärken.“

Erinnerung im digitalen Zeitalter

Mit der Gründung von EHRI-ERIC und dem Aufbau von EHRI-DE formiert sich ein dauerhaftes europäisches Wissensnetzwerk: Es verzahnt Forschung, Dokumentation und gesellschaftliche Vermittlung. Und es schafft Raum für neue Fragestellungen und Perspektiven in der Holocaust-Forschung. Indem Archive vernetzt, Quellen digital sichtbar gemacht und Forschende europaweit zusammengebracht werden, wird das Wissen über den Holocaust nicht nur bewahrt – es bleibt dauerhaft zugänglich, überprüfbar und weiterhin erforschbar.

EHRI-ERIC im Überblick

  • Zehn Gründungsmitglieder: Deutschland, Israel, Kroatien, Niederlande, Polen, Österreich, Rumänien, Slowakei, Tschechische Republik, Großbritannien.

  • Der Central Hub des EHRI-ERIC sitzt in den Niederlanden (NIOD Institute for War, Holocaust and Genocide Studies an der Königlichen Akademie der Wissenschaften Amsterdam).

  • Koordination des deutschen EHRI-Knotens: Zentrum für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte München (IfZ)

  • Weitere deutsche Partnerinstitutionen sind das Bundesarchiv, die Arolsen Archives, das GWZO, das Fritz Bauer Institut und das Deutsche Exilarchiv.

Zentrale EHRI-ERIC Angebote

  • Das EHRI Portal bietet Zugang zu Informationen über Archivmaterial zum Holocaust in Institutionen in und außerhalb von Europa.

  • Das EHRI Conny Kristel Fellowship Programme erlaubt Forschungsaufenthalte von 1-6 Wochen an einem oder mehreren EHRI-Partnerinstitutionen.

  • Die EHRI Onlinekurse stellen Quellenmaterial und Hintergrundinformationen zur Verfügung und geben in fünf thematischen Einheiten einen Überblick über aktuelle Trends in der Holocaust-Geschichtsschreibung.

  • Der EHRI Document Blog bietet die Möglichkeit, Arbeitsthesen, (vorläufige) Forschungsergebnisse und interessante Quellenfunde mit Hilfe digitaler Werkzeuge zu analysieren und einem größeren Publikum zu präsentieren.

  • Die EHRI Online Editionen (open access): kuratierte Zusammenstellungen von Quellen/Zeitzeugnissen aus Archiven. Sie werden durch interaktive Karten kontextualisiert. (Derzeit verfügbare Editionen: https://begrenzte-flucht.ehri-project.eu/ und https://early-testimony.ehri-project.eu/).

  • Die EHRI Seminare wenden sich insbesondere an Promovierende und frühe Postdocs. Die meist einwöchigen Veranstaltungen bieten einen Überblick über methodologische Entwicklungen im Feld der Holocaust-Studien, Austausch mit Expertinnen und Experten, Möglichkeiten das eigene Projekt zu präsentieren, und einen Einblick in die Erinnerungskultur der jeweiligen Region, in der das Seminar stattfindet.

Das Institut für Zeitgeschichte München–Berlin (IfZ)

Das IfZ ist eine außeruniversitäre Forschungseinrichtung, die die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart in ihren europäischen und globalen Bezügen erforscht. Es ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft und wird vom Bund und den Ländern institutionell finanziert. Darüber hinaus wirbt das IfZ selbst Drittmittel für vielfältige Forschungsprojekte zur Zeitgeschichte ein. Das seit 2013 am IfZ bestehende Zentrum für Holocaust-Studien (ZfHS) ist ein internationales Kompetenz- und Kommunikationszentrum für die Erforschung des Holocaust. Es organisiert Konferenzen und Workshops, führt eigene Forschungs- und Editionsprojekte durch und trägt durch seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur universitären Lehre über den Holocaust bei.

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