Drei Jahre hat das Projekt StiPEx die Auswirkungen und Folgen von Stigmatisierung im Zusammenhang mit COVID-19 erforscht, mit Blick auf Prävention. Welche Lehren lassen sich aus StiPEx – und den Projekten der BMFTR-Förderlinie zu den gesellschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie – ziehen? Mehr dazu und zum gemeinsam entwickelten Positionspapier hier im Interview.
Im Interview: Projektleiter Prof. Dr. Samuel Tomczyk und Dafina Danqa, M.Sc. Psychologie, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Psychologie, Digital Health and Prevention an der Universität Greifswald, zum BMFTR-Projekt StiPEx (Stigmatisierung im Kontext der Corona-Pandemie: Exploration psychosozialer Prozesse und intersektionaler Aspekte und ihre Bedeutung für die Prävention).
Die Pandemie ist vorbei, ihre sozialen Folgen wirken jedoch nach. Welches Forschungsergebnis hat Sie am meisten überrascht, Herr Professor Tomczyk?
Erstaunlich ist, wie wenig „Lernen“ und Aufarbeitung im Bereich sozialer Folgen der Pandemie bisher stattgefunden hat. Ein Fokus der Forschung liegt auf medizinisch-technischen Betrachtungen – sozial- und geisteswissenschaftliche Perspektiven sind untergeordnet, auch wenn in letzter Zeit etwas mehr Aufarbeitung begonnen hat. Dennoch gibt es kaum Strukturen, Instrumente und Prozesse, die die sozialen Auswirkungen adäquat berücksichtigen. Mit weitreichenden Folgen: Das Thema Stigma wird bei Handreichungen, Empfehlungen, Praktiken (auch im Sinne der Pandemic Preparedness) nur gering berücksichtigt, etwa in Behörden und Ämtern. Daher bleibt unklar, welche potenziellen Schäden und Schwierigkeiten nicht gesehen und beachtet werden.
Ebenso überraschend ist die Persistenz von stigmatisierenden Einstellungen, etwa zu Infektion, Impfung und Folgen: Über 20 % der Befragten geben über mehrere Jahre hinweg stigmatisierende Einstellungen im Zusammenhang mit COVID-19 an. Stigma kann mit Ausgrenzung, Ablehnung, Vertrauensverlust zusammenhängen und sich auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt auswirken. Es bleibt daher auch unklar, ob dieses Thema ausreichend adressiert wird, etwa in Politik, im Gesundheitswesen.
Welche Formen der Stigmatisierung haben Sie bei StiPEx untersucht?
Wir haben uns mit Formen von Stigma auf ganz unterschiedlichen Ebenen beschäftigt: Anfangen von strukturellem Stigma, wie zum Beispiel Zugangsbeschränkungen von Personen ohne Impfungen oder mit Risikomerkmalen für schwere Krankheitsverläufe über öffentliche Stigmatisierung, etwa Einstellungen zum Umgang mit Infektionen oder Infektionsfolgen in der Bevölkerung bis zu Selbststigmatisierung, also der der Wahrnehmung der Personen bei Betroffenheit.
Strukturelle Stigmatisierung ist uns häufig begegnet im Bereich von Impfungen und postinfektiösen Erkrankungen wie Long COVID. Öffentliche Stigmatisierung haben wir uns etwa in Bezug auf Einstellungen gegenüber Personen mit (Mehrfach-)Infektionen, mit Long COVID Erkrankung, mit Impferfahrung und im Vergleich mit anderen chronischen Erkrankungen angesehen. Öffentliche Stigmatisierung scheint zu variieren, je nach Zielgruppe und je nach Kontext der Stigmatisierung. Gleichzeitig scheint es eine recht hohe Stabilität zu geben: Personen, die zu Beginn der Pandemie stigmatisierende Einstellungen haben, scheinen diese auch mehrere Jahre später zu haben. Deshalb wären für diese spezifischen Gruppen gezielte Ansätze zur Entstigmatisierung sinnvoll. Und Selbststigmatisierung zeigt sich häufig darin, dass Personen sich selbst die Schuld geben und sich isolieren. Hier wäre gezielte Aufklärung und Unterstützung wichtig.
Frau Danqa, Ihre Promotion dreht sich um das Thema Stigmatisierung von / durch Personal im Gesundheitswesen. Worin unterscheidet sich diese Form von den oben genannten?
Es gibt zwar viele Gemeinsamkeiten zur Allgemeinbevölkerung und deren Erfahrungen, aber hier handelt es sich um eine Gruppe mit besonderen Herausforderungen und in einer Schlüsselrolle bei der Bewältigung einer Pandemie / Krise: Einerseits muss diese Gruppe den stigmatisierenden Umgang mit anderen Personen reflektieren, genauso wie die Allgemeinbevölkerung. ABER sie ist gleichzeitig eine Gruppe, die selbst Stigmatisierung ausgesetzt ist. Der direkte, tägliche Kontakt mit Personen mit Infektion macht sie besonders vulnerabel für Stigma. Im Gesundheitskontext spielt Stigma generell eine wichtige Rolle, etwa bei Hauterkrankungen oder psychischen Erkrankungen. Im Infektionskontext findet die Arbeit unter besonderen Voraussetzungen statt: Ergänzend zu Angst, Schutzmaßnahmen und bestehenden Problemen des Gesundheitssystems kommt Stigmatisierung aufgrund der Zugehörigkeit zu dieser Gruppe hinzu. All das erschwert die Arbeit – und hat gesellschaftliche Konsequenzen: Wenn Gesundheitspersonal durch Belastung ausfällt oder den Beruf wechselt, dann ist die Gesundheitsversorgung während einer Pandemie in Gefahr.
Welche Auswirkungen hat Stigmatisierung für das psychische Wohlbefinden, das Vertrauen in Institutionen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt?
Stigmatisierung kann Lebensqualität und soziale Teilhabe einschränken: Personen haben von psychischen Folgen berichtet, etwa von Wut, Trauer, Scham und Hilflosigkeit. Hinzu kommen soziale Folgen wie Kontaktabbruch, veränderte soziale Beziehungen sowie soziale und gesellschaftliche Einschränkungen, darunter verringerter Zugang zu öffentlichen Plätzen oder auch Ausschluss von Veranstaltungen.
Stigmatisierung kann sich ebenfalls strukturell, auf öffentlicher Ebene, und in der Internalisierung auswirken: Selbststigma kann etwa zu einem verringerten Wohlbefinden führen, wenn die Angst besteht, eine Gefahr für andere darzustellen. Dies wiederum kann dazu führen, sich selbst zum Schutz anderer zu isolieren oder sich zurückzuziehen.
Die öffentliche und strukturelle Stigmatisierung kann sich vor allem auf die soziale Teilhabe auswirken: Durch Ablehnung und Ausgrenzung durch das Umfeld – egal ob Familie, Freunde, Medien, Organisationen, Politik – kann sie Isolation verstärken. Insbesondere strukturelle Stigmatisierung kann Vertrauen in Institutionen beeinträchtigen, etwa wenn man sich von Einrichtungen der Gesundheitsversorgung oder der Politik nicht ernstgenommen fühlt oder der Eindruck entsteht, dass einem nicht geholfen wird. Dies wiederum kann dazu führen, dass Personen sich aus dem Diskurs zurückziehen oder sogar die Institutionen verlassen, etwa das Berufsfeld wechseln oder aus Teilen des Versorgungssystems aussteigen. All das kann sich auf das Gesundheitssystem und die Demokratie auswirken.
Herr Prof. Tomczyk, wie kann Gesundheitskommunikation gelingen, ohne Ausgrenzung zu verstärken?
Aus vorangegangenen Pandemien aus internationalen Kontexten, etwa im Umgang mit anderen Infektionserkrankungen wie Ebola oder AIDS, gibt es wertvolle Erfahrungen und Vorarbeiten. Wir haben auch gemeinsam in internationalen Kollaborationen gearbeitet und ein Toolkit mitentwickelt: The ISARIC Anti-Stigma Guidelines – und erarbeiten dieses ebenfalls für den deutschsprachigen Raum. Darüber hinaus gibt es z. B. aus Anti-Diskriminierungsarbeit in Deutschland auch Leitfäden, die Hinweise zu stigmareduzierender / stigmafreier Kommunikation geben können, etwa für einzelne Aspekte wie Ageism oder auch Leitfäden für Medienschaffende.
Gemeinsam ist, dass Gesundheitskommunikation vor allem auf die Sprache achten sollte: Sie sollte personenzentriert / menschlich sein und keine Angst schüren. Auch gegen Fehlinformationen sollte aktiv vorgegangen werden. Das Vertrauen in bestimmte Organisationen ist sehr wichtig, damit man einen Ort hat, an dem man vertrauenswürdige Informationen findet.
Generell gilt es auf potenzielle negative Auswirkungen von Maßnahmen zu achten – auch Maßnahmen gegen Stigmatisierung können stigmatisierend sein. Dem kann man unter anderem entgegenwirken, indem man Informationen mit den jeweiligen Zielgruppen gemeinsam erarbeitet, sei es hinsichtlich Verständlichkeit, Repräsentativität oder auch um die Lebenswirklichkeit abzubilden und ihr gerecht zu werden.
Wie gelingt der Transfer Ihrer Ergebnisse für Politik, Gesundheitswesen und Medien, Frau Danqa?
Für den Transfer für Politik / Medien / Wissenschaft sind adressatengerecht aufgearbeitete Informationen entscheidend, am besten mit praktischen Handlungsempfehlungen (wie z. B. Toolkits). Viel mehr noch ist möglich: Man darf nicht aufhören, darüber zu sprechen. Unser Projekt ist zwar vorbei, das Thema Stigmatisierung aber nicht. Deshalb sollten die Ergebnisse nachhaltig in die Gesundheitsedukation oder Monitorings einbezogen werden.
Herr Professor Tomczyk, welche Lehren aus StiPEx – und den Projekten der BMFTR-Förderlinie zu den gesellschaftlichen Auswirkungen der Coronapandemie – sollten bei künftigen Pandemien oder anderen Gesundheitskrisen unbedingt berücksichtigt werden?
Ein wesentliches Fazit von StiPEx: Stigmatisierung / Diskriminierung muss beachtet werden! Sie benötigt stetiges Monitoring, und zwar phasenspezifisch: Von der Zeit des Outbreaks über die Zeit des Pandemiemanagements bis in die Zeit, in der Langzeitfolgen vorherrschen. Zudem müssen unterschiedliche Formen und Ebenen (also z. B. Selbststigma, öffentliches Stigma, strukturelles Stigma) berücksichtigt und mitbedacht werden.
Eine der wichtigsten Lehren betrifft die so genannte „Pandemic Preparedness“: Wir sollten nicht akut handeln, sondern in Vorbeugung. In dem Kontext ist es sehr wichtig, sich an vergangene Situationen / Epidemien / Pandemien und den gewonnenen Erkenntnissen zu orientieren und das Wissen nutzen, auch Länder- und Disziplinen-übergreifend. Es muss politisch Raum geschaffen werden für Entwicklung und Erprobung der „Pandemic Preparedness“ und das benötigt Förderung / Ressourcen / Unterstützung – und zwar langfristig. Die gewonnenen Erkenntnisse müssen in generelle Gesundheitsaufklärung und Informationen dazu aufgenommen werden. Die Entwicklung von Maßnahmen sollte mit (besonders) betroffenen Gruppen gemeinsam erfolgen und sich ernsthaft mit diesen auseinandersetzen, um sie zu erreichen bzw. sie in ihrer Lebensrealität abzuholen. Und das gilt nicht nur für Maßnahmen gegen Stigma, sondern setzt viel früher an: In der Erfassung der Einstellungen zum Beispiel. Ebenfalls sehr wichtig ist die intersektorale Zusammenarbeit, etwa von Medizin, Soziologie, Psychologie, Wirtschaft, in verschiedenen Bereichen wie Gesundheit, Bildung in Schulen, Umgang auf Arbeitsmarkt mit infektionsbedingten Einschränkungen.
Herzlichen Dank Ihnen beiden für die interessanten Einblicke!
(Das Interview erfolgte schriftlich am 27. August 2026; Fragen, Redaktion: Katrin Schlotter)
BMFTR Förderlinie „Gesellschaftliche Auswirkungen der Corona-Pandemie − Forschung für Integration, Teilhabe und Erneuerung“
Anfang 2026 endeten die 18 vom BMFTR geförderten Projekte zu gesellschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie. Sie zeigen, wie tief die Krise soziale Strukturen, Alltag und Institutionen geprägt hat – und warum geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung zentral bleibt, um Empfehlungen zur Steigerung gesellschaftlicher Resilienz zu geben (siehe GSW-News). Die Förderrichtlinie zielte darauf ab, geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung zu ermöglichen, die langfristige Folgen der Corona-Krise mit neuen Fragestellungen angeht, sich mit gesellschaftlich relevanten Thematiken auseinandersetzt und dazu neue Herangehensweisen entwickelt. Die methodisch solide Forschung hat Erkenntnisse hervorgebracht, auf deren Grundlage Politik, Wirtschaft und Gesellschaft den negativen gesellschaftlichen Folgen der Corona-Krise begegnen und für die Zukunft nutzen können. Zentrale Erkenntnisse sind zusammengefasst im Positionspapier zur Förderlinie „Gesellschaftliche Auswirkungen der Corona-Pandemie“ des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR).
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