RADIS: Internationales Symposium zu Islamismus und Radikalisierung

Unter dem Dach des RADIS-Netzwerks haben zwölf Projekte in der gleichnamigen BMFTR-Förderlinie die gesellschaftlichen Ursachen und Wirkungen des radikalen Islam in Deutschland und Europa untersucht – und die Forschung geht weiter, national wie international.

Foto von Sina Tultschinetski

Sina Tultschinetski ist Projektkoordinatorin des BMFTR-Transferprojekts RADIS

PRIF

Gesellschaften in der ganzen Welt sind – teils noch stärker als in Deutschland – von Destabilisierung durch extremistische Strömungen und im Speziellen auch Islamismus betroffen. Die Auseinandersetzung mit dem Phänomen Islamismus ist, so ein Fazit der Abschluss- und Transfertagung des RADIS-Netzwerks, eine zentrale Herausforderung für unsere Gesellschaft und die repräsentative Demokratie. Deshalb stellt das BMFTR ab Herbst 2026 im Rahmen der Förderrichtlinie „Islamismus: Auswirkungen, Gegenstrategien und Präventionsmaßnahmen“ (2026-2030) weitere 15 Millionen Euro für seine Erforschung bereit. Während die neuen Forschungsprojekte derzeit ausgewählt werden, hat das RADIS-Netzwerk am 16. Juni 2026 ein internationales Online-Symposium 'Interactions and Transformation Processes in the Field of Islamism' ausgerichtet.

„Eine Erkenntnis, die im Verlauf der Zusammenarbeit im RADIS-Netzwerk immer wieder auftauchte, ist, dass Islamismus und Radikalisierung nicht isoliert verstanden werden können“, betont RADIS-Projektkoordinatorin Sina Tultschinetski und führt aus: „Sie entwickeln sich durch Wechselwirkungen – zwischen Individuen und Gruppen, zwischen staatlichen Institutionen und der Zivilgesellschaft, zwischen Erfahrungen von Ausgrenzung und Zugehörigkeit sowie zunehmend auch im Rahmen transnationaler und globaler Dynamiken. Dieser Gedanke der Wechselwirkung stand im Mittelpunkt des Symposiums“.

Erkenntnisse im internationalen Kontext

Wie entfalten sich Prozesse der (Co-)Radikalisierung? Wie beeinflussen globale und nationale Dynamiken Radikalisierungsprozesse? Und inwiefern verändert dies das Phänomen Islamismus? Bei dem Online-Symposium wurden diese übergeordneten Fragen aus einer vergleichenden Perspektive beleuchtet, über europäische Länder hinweg und darüber hinaus. Ziel war es zum einen, die Erkenntnisse aus dem RADIS-Netzwerk, die im RADIS-Sammelband „Islamismus als gesellschaftliche Herausforderung. Ursachen, Wirkungen, Handlungsoptionen“ gebündelt sind, im internationalen Raum zu vermitteln und zum anderen, diese in einen breiteren europäischen und internationalen Kontext einzuordnen und zu diskutieren. „Wir konnten interessante Vortragende gewinnen und haben europa- und teils weltweit Forschende eingeladen, die in diesem und in angrenzenden Themenfeldern tätig sind“, so Tultschinetski, „Es waren Vortragende und Teilnehmende aus Deutschland, UK, der Türkei, Kroatien und Italien dabei – und wir konnten in die Tiefe gehen“. Hier einige Erkenntnisse aus Vorträgen und Diskussionen.

Vergleichende Perspektiven

Kurze Impulsvorträge gaben Einblicke in aktuelle Erkenntnisse zu Radikalisierungsprozessen in Europa. Zum Auftakt stellte Shaimaa Abdellah, Mit-Herausgeberin des RADIS-Sammelbands, einige der zentralen Erkenntnisse daraus vor, etwa zu gesellschaftlichen, politischen und medialen Dynamiken und ihren Auswirkungen auf (Co-)Radikalisierungsprozesse. Dr. Jörn Thielmann (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, EZIRE) präsentierte einige Thesen und Erkenntnisse aus dem Projektkonsortium „Wechselwirkungen“ (Teil des RADIS-Netzwerks) und sprach über Inter- (bzw. Intra-)aktionen zwischen staatlichen Institutionen, der Gesellschaft und Musliminnen und Muslimen. Tahir Abbas (Professor für Criminology and Global Justice und Direktor des Centre on Radicalisation, Inclusion, and Social Equity an der Aston University) reflektierte über die Dynamiken zwischen Islamfeindlichkeit und Islamismus in europäischen Gesellschaften. Und schließlich berichtete Professor Ayhan Kaya von der Istanbul Bilgi University aus seinem abgeschlossenen ERC Advanced Grant-Projekt zur Radikalisierung von jungen Menschen mit unterschiedlichem ethnisch-kulturellem und religiösem Hintergrund in Europa.

In den Vorträgen wurde zum Beispiel deutlich, dass Musliminnen und Muslime in Deutschland überproportional von Anti-Terror-Gesetzen und Sanktionssystemen betroffen sind, die überwiegende Mehrheit jedoch trotz Diskriminierungserfahrung nach wie vor widerstandsfähig gegenüber Radikalisierung ist. Zudem wurde deutlich, dass sich (europaweit) Islamfeindlichkeit und Islamismus gegenseitig verstärken, in Politik und Prävention jedoch häufig getrennt betrachtet werden. Werden Ausgrenzung und Benachteiligung aber nicht mitgedacht, könnten Präventionsmaßnahmen ihre Wirkung verfehlen oder sogar das Gefühl der Entfremdung verstärken. Als weiterer möglicher Risikofaktor wurde das Empfinden junger Menschen genannt, insbesondere in strukturschwachen Regionen gesellschaftlich und wirtschaftlich abgehängt zu sein. Jugend- und Begegnungszentren könnten solchen Entwicklungen entgegenwirken, hätten jedoch vielerorts an Bedeutung verloren.

Fruchtbare Diskussionen

Die anschließende Diskussion drehte sich um Radikalisierung als emotionale Reaktion auf lokale, räumliche und kontextbezogene Faktoren. Eine These: Jugendliche radikalisieren sich oft aus sehr ähnlichen Gründen oder zumindest aufgrund ähnlicher Erfahrungen –  durch sozioökonomische Benachteiligung und Ungerechtigkeit, mangelnde wahrgenommene politische Repräsentation oder den generellen wahrgenommenen demokratischen Verfall. Diskutiert wurde außerdem die Frage, warum Extremismus in der politischen, medialen und öffentlichen Wahrnehmung zunehmend mit islamistischen Bewegungen verbunden werde, während historisch andere ideologische Strömungen stärker im öffentlichen Fokus standen. Ein weiteres Fazit also: Um Radikalisierung zu verstehen, muss stets der jeweilige historische und gesellschaftliche Kontext berücksichtigt werden – ebenso wie sich verändernde Vorstellungen davon, was in einer Gesellschaft als normal oder extrem gilt. Abschließend wurde die Bedeutung gesellschaftlicher Teilhabe diskutiert: Forschungsergebnisse zeigen, dass sich viele Menschen mit ihren Anliegen und Bedürfnissen nicht wahrgenommen fühlen. Dies unterstreicht die zentrale Frage, wie politische und gesellschaftliche Beteiligungsmöglichkeiten gestärkt werden können. Und zu guter Letzt zieht Tultschinetski das Fazit: „Es herrschte allgemeine Einigkeit darüber, dass der transnationale akademische Austausch äußerst wichtig ist und weiter ausgebaut werden muss, um das Phänomen und den Umgang damit besser zu verstehen. Die jeweiligen nationalen Finanzierungsstrukturen sollten dies noch mehr erleichtern.“

BMFTR-Förderung zum Thema Islamismus 

Das BMFTR fördert bereits seit 2020 Forschung zum Thema Islamismus. Im Rahmen einer ersten Förderphase (2020-2025) hat das BMFTR 15 Millionen Euro für 12 Forschungsprojekte und das Transfervorhaben „Gesellschaftliche Ursachen und Wirkungen des radikalen Islam in Deutschland und Europa“ (RADIS) bereitgestellt. Dieses Engagement wird ab Herbst 2026 im Rahmen der Förderrichtlinie „Islamismus: Auswirkungen, Gegenstrategien und Präventionsmaßnahmen“ (2026-2030) fortgesetzt, für die das BMFTR erneut bis zu 15 Millionen Euro bereitstellt.
Ziel der Förderung ist es u.a., neue Phänomene wie die Online-Radikalisierung und die Auswirkung von Fluchterfahrungen auf Radikalisierungsprozesse zu erforschen. Das Wissen aus der Forschung soll langfristig zur Verbesserung der Präventions-, Distanzierungs- und Deradikalisierungsarbeit beitragen. Auch hier werden die Forschungsprojekte durch das Transfervorhaben „Gesellschaftliche Ursachen und Wirkungen des radikalen Islam in Deutschland und Europa“ (RADIS) intern und extern miteinander vernetzt.

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