Im Dialog: die Konfliktakademie ConflictA

Die aufgrund eines Bundestagsbeschlusses vom BMFTR geförderte Konfliktakademie ConflictA an der Universität Bielefeld hat sich als Ort der Verständigung über gesellschaftliche Konflikte auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse bereits bekannt gemacht. Ein Schwerpunkt: die Forschung zu Dialog und Konfliktbearbeitung – mit hohem Praxisbezug.

Im Interview: Professor Dr. Andreas Zick, Direktor ConflictA

Mit der ConflictA haben Sie schon viel bewirkt: Sie setzen sich dafür ein, Perspektiven in Austausch zubringen und Foren für den Dialog anzubieten, bei denen beide Seiten profitieren und lernen können. Warum ist Dialog in einer Demokratie von immer größerer Bedeutung?

Professor Dr. Andreas Zick

Andreas Zick ist seit 2013 Direktor des IKG und seit 2008 Professor für Sozialisation und Konfliktforschung an der Fakultät für Erziehungswissenschaft Universität Bielefeld. Er ist zudem Direktor der Konfliktakademie ConflictA und einer der Leiter des Center for Uncertainty Studies (CeUS).

Universität Bielefeld

Die Demokratie lebt vom Konflikt. Sie bringt Menschen mit unterschiedlichen Interessen, Überzeugungen, Herkünften und Identitäten zusammen, indem sie allen Teilhabe ermöglicht. Sie ruht auf der Gewaltenteilung und ist föderal organisiert: Die Bundesländer, geprägt von ihren eigenen Geschichten und Interessen, genießen weitreichende Eigenständigkeit. Offen und vielfältig misst sie sich daran, ob sie die Würde aller garantiert. Das führt zu Reibungen, Widersprüchen und Gegensätzen, also Konflikten. Doch genau diese Widersprüche treiben sie voran, denn ihre Grundidee ist, Konflikte konstruktiv auszuhandeln statt destruktiv auszutragen. In illiberalen Demokratien, autoritären Regimen oder Diktaturen herrschen wenige, die ihre Interessen mit Macht durchsetzen. In Deutschland hingegen geht alle Staatsgewalt vom Volk aus, wie Artikel 20 Absatz 2 des Grundgesetzes festlegt. Damit Demokratie funktioniert, braucht sie deshalb Wege, um Konflikte über Interessen, Werte und Identitäten – oft ausgelöst durch Ungleichheiten – zu regeln. Wir, das Parlament, die Länder, Interessengruppen und die verschiedenen Gewalten, müssen den Dialog suchen, um Konsens und Kompromisse zu finden, aber auch, um extremistische Kräfte abzuwehren. Ob analog oder digital: Der Austausch von Positionen und Perspektiven ist unverzichtbar.

Welche Kernergebnisse hat Ihre Forschung zu Dialog bislang hervorgebracht?

Die Konfliktakademie prüft in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen, ob Dialoge akzeptiert werden, wie sie in Konflikten entstehen und wo sie gelingen oder scheitern. Wir untersuchen, wie Dialoge bei kommunalen Konflikten verlaufen oder angestoßen werden können, wie Konflikte, auch an Hochschulen, bewältigt werden und wie Minderheiten oder junge Menschen stärker in Dialoge eingebunden werden können. Mit dem Konfliktmonitor erfassen wir repräsentativ, welche Konfliktlösungsstrategien die Bevölkerung wahrnimmt und akzeptiert. Dabei zeigen die bisherigen Analysen aus zwei Erhebungen: Die Mehrheit unterstützt ein konfliktorientiertes Demokratiemodell, doch prägt ein weit verbreiteter Konfliktpessimismus die Wahrnehmung. Viele glauben, dass Konflikte in Deutschland zunehmen, aber schlecht gelöst werden. Im Sommer 2025 sagten 65 Prozent der Befragten im Konfliktmonitor: „Die derzeitigen Konflikte führen eher zum Stillstand als zu positiven Veränderungen.“ Nur zehn Prozent widersprachen.

Wir haben zudem drei grundlegende Konfliktorientierungen in den Daten identifiziert. Eine Mehrheit bevorzugt eine dialog- und kompromissorientierte Herangehensweise: 72 Prozent meinen, Konflikte sollten stets durch Dialoge gelöst werden. 54 Prozent setzen auf Kompromisse, und 52 Prozent finden, Parteien sollten so lange streiten, bis ein Kompromiss erreicht ist. Eine kleinere Gruppe bevorzugt autoritäre Lösungen: 44,5 Prozent stimmen zum Beispiel der Meinung zu, dass die Regierung mit harter Hand eingreifen sollte, wenn Parteien und Parlamente scheitern. Die dritte Gruppe setzt auf plebiszitäre Lösungen: 63 Prozent fordern zum Beispiel Volksentscheide zu zentralen Fragen. Diese Gruppen unterscheiden sich deutlich im Vertrauen in Demokratie und Institutionen. Dialogorientierte zeigen mehr Vertrauen, sind toleranter gegenüber anderen Meinungen und blicken optimistischer in die Zukunft. Doch insgesamt schwindet das Vertrauen in der Gesellschaft. Illiberale Kräfte verbreiten in digitalen Medien Informationen über angebliches Staatsversagen, was den Konfliktpessimismus verstärkt. Soweit einige wenige Einblicke in aktuelle Beobachtungen. Doch auch wir als Forschende müssen dialogfähig sein und nehmen das in der Akademie ernst. Wir prüfen unsere Kompetenzen, reflektieren unser Handeln und lernen dazu. Dialogfähigkeit bedeutet, aufmerksam zuzuhören, andere ausreden zu lassen, nachzufragen, die eigene Meinung klar zu äußern, unterschiedliche Perspektiven auszuhalten und respektvoll mit anderen Sichtweisen umzugehen – solange diese nicht verletzend sind. Dialogfähigkeit ist keine Selbstverständlichkeit, auch nicht für uns Forschende.

Für die Praxis haben Sie eigene Dialog-Formate entwickelt – was können sie bewirken?

Wir erleben in unserer Gesellschaft zunehmend, dass polarisierte Debatten den Dialog verdrängen. In Konfliktsituationen dominieren oft jene, die nur ihre eigenen Interessen und Ansichten durchsetzen wollen, sei es analog oder digital. Menschen merken auch in öffentlichen und medialen Debatten, dass es nicht um Kompromisse oder Dialoge geht. Die Radikalität auch in der Mitte der Gesellschaft zeigt sich besonders deutlich in Angriffen auf Politiker, Vertreter öffentlicher Institutionen und in hasserfüllten Übergriffen auf Minderheiten. Gewalt markiert das Ende des Dialogs.

Nachdem viele Vertreter von Institutionen, zivilgesellschaftlichen Gruppen, Vereinen und der Politik dies erfahren haben und wir es in Forschungsprojekten sowie aus eigener Erfahrung festgestellt haben, machen wir uns in der Konfliktakademie auf den Weg, neue Methoden der Konfliktbearbeitung zu entwickeln. Unser Ziel ist es, Dialoge zu ermöglichen, die konstruktive Lösungen fördern. Dazu schaffen wir oft zunächst neue Räume und Dialogverfahren. In Kommunen identifizieren und unterstützen wir vorhandene, aber bislang ungenutzte Expertise. Wir organisieren Dialogformate, um nach extremistischen Angriffen die betroffenen Akteure vor Ort zusammenzubringen. Ein Beispiel dafür ist unser Dialogformat "Talkaoke", eine "Pop-up-Talkshow" auf einem zentralen Stadtplatz zum Thema Klima. Dieses Format bringt Bürger an einen runden Tisch, die sonst nie miteinander in Kontakt gekommen wären. Darüber hinaus entwickeln wir didaktisches Material, wie ein besonderes Kartenspiel, das junge Menschen auf weniger konfliktbeladene Weise in den Dialog über Erinnerungskultur einbindet.

Im April haben Sie die Interaktive Dialogformatübersicht veröffentlicht, eine deutschlandweite Karte mit Informationen zu bestehenden Dialogprojekten in Deutschland. Nach welchen Kriterien haben Sie die bislang 29 Projekte ausgewählt? Mit welchem Ziel?

Wir haben nach Formaten gesucht, die Menschen dazu einladen, aktiv in den Dialog über teils kontroverse, gesellschaftlich relevante Themen einzutreten. Dabei haben wir geprüft, ob es ein klares Konzept gibt, das den Zusammenhalt stärkt und auf Dialoge sowie die Herstellung von gesellschaftlichem Frieden basiert. Dialoge, die überwiegend persönliche oder berufliche Themen behandeln, sowie Bürgerdialoge mit einem eigenen Verständnis von Dialog, sind nicht aufgeführt. Diese könnten jedoch separat aufgeführt werden. Unsere Formatübersicht soll wachsen, und dafür sind wir auf Informationen angewiesen. Wir möchten sie auch mit Übersichten zu wissenschaftlichen Befunden aus der Forschung über Dialoge verknüpfen. Die Konfliktakademie soll zu einem Wissensraum und -speicher für konstruktive Konfliktlösungen heranwachsen, damit das Vertrauen in demokratische Konfliktlösungen wieder gestärkt wird. Letztlich sind wir in der Forschung und im Transfer darauf angewiesen, dass die dialogorientierte und konfliktfähige Gesellschaft in der Lage ist, sich gegen ihre Feinde zu wehren.

Besten Dank, lieber Herr Professor Zick, für Ihre fundierten Einblicke und weiterhin viel Erfolg!

(Das Interview erfolgte schriftlich am 14. Mai 2026; Fragen: Katrin Schlotter)
 

Die Konfliktakademie ConflictA

Im April 2023 startete der Aufbau ConflictA am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld. Direktor der ConflictA ist Professor Dr. Andreas Zick, die wissenschaftliche Leiterin ist Dr. Kerstin Eppert. Der Leitsatz der ConflictA ist: „Konflikte beforschen, besprechen, bearbeiten und daraus lernen.“ Der Aufbau der ConflictA wird als Projekt aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages durch das BMFTR gefördert. Ziel der Beteiligten ist es, als eigenständige Einrichtung zu einem Ort der Verständigung über gesellschaftliche Konflikte auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse zu werden. Die ConflictA ist die erste Einrichtung ihrer Art an einer deutschen Universität.

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