Wissenschaft erfahrbar machen: Hochschulsammlungen als Räume des partizipativen Wissenstransfers und gesellschaftlichen Dialogs

Hochschulsammlungen und -museen entwickeln sich zunehmend zu offenen Orten des Austausches, in denen Forschung, Öffentlichkeit und kulturelle Bildung zusammenfinden. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Debatten um Teilhabe, Demokratie und Open Science gewinnen die Sammlungen eine enorme Bedeutung: Sie können Wissenschaft sichtbar und verständlich machen und Räume für partizipative Prozesse anbieten.

Einblick in die Ausstellung „Ausgefallene Stücke”

Einblick in die Ausstellung „Ausgefallene Stücke”, die im Herbst 2025 an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch gezeigt wurde.

Sarah Elena Link, HU Berlin

Die Ausstellung „Ausgefallene Stücke“, die im Rahmen des vom BMFTR geförderten Projekts „Dramaturgien eines Archivs“ (DramA) an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin erarbeitet wurde, zeigt dies eindrücklich. Das vielfältige Material aus dem Inszenierungsarchiv der Hochschule, das im Rahmen des Projekts erstmals erschlossen wurde, wird dabei in gesellschaftliche Zusammenhänge eingebettet: Fragen nach Zensur, künstlerischer Freiheit oder studentischem Protest während der DDR-Zeit erhalten durch Originaldokumente, Fotografien und Erinnerungsberichte eine unmittelbare Gegenwart. Die Ausstellung entstand in enger Zusammenarbeit mit Studierenden und Zeitzeugen, individuelle Erfahrungen, gesellschaftliche Fragestellungen und wissenschaftliche Expertise fließen zusammen.

Wissenschaftliche Erkenntnisse mit gesellschaftlicher Beteiligung gewinnen

Noch deutlicher wird der partizipative Ansatz im Bereich Citizen Science. Das DramA-Projekt bezieht Theater-Fans als „Forschungsverbündete“ bei der archivalischen Erschließungsarbeit mit ein. Es lotet dabei aus, welcher Strukturen und Mechanismen es bedarf, um die Zusammenarbeit für alle gewinnbringend zu gestalten. Darüber hinaus beteiligt sich die Sammlung an der Kampagne #WikiGap. So wurden beispielsweise in einem Workshop mit Studierenden die Biographien von Personen recherchiert und zugänglich gemacht, die für die Geschichte der Hochschule von Bedeutung sind. Viele davon, insbesondere die Frauen, verfügten bis dahin nicht über eigene Einträge auf Wikipedia. Studierende, Mitarbeitende und forschende Bürgerinnen und Bürger helfen daher bei der Erschließung, Dokumentation oder Digitalisierung mit, sind an Forschungsprozessen beteiligt und tragen zu einer höheren Sichtbarkeit bislang marginalisierter Gruppen und einer multiperspektivischen Wissensproduktion bei.

Liebesbriefarchiv

Bei monatlichen Treffen lesen und besprechen  forschende Bürgerinnen und Bürger gemeinsam Liebesbriefe und analysieren dies auf Basis bereitgestellter wissenschaftlicher Literatur.

Liebesbriefarchiv, Universität Koblenz 

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt das Projekt „Gruß & Kuss – Briefe digital“. Hier arbeiten Forschende gemeinsam mit der Öffentlichkeit an der Erschließung, Digitalisierung und Analyse historischer Liebesbriefe aus dem Liebesbriefarchiv an der Universität Koblenz. Das Besondere an diesem Projekt ist die Verbindung von wissenschaftlicher Forschung und der ganz persönlichen Erfahrungswelt. Bürgerinnen und Bürger transkribieren Briefe, lernen historische Schriften wie Kurrent oder Sütterlin kennen und entwickeln eigene Forschungsfragen zu Themen wie Intimität, Krisen oder Distanzbeziehungen. Dadurch findet Wissenstransfer in mehrere Richtungen statt: Wissenschaftliche Methoden werden verständlich vermittelt, während gleichzeitig alltagskulturelles Wissen und persönliche Perspektiven der Teilnehmenden in die Forschung einfließen. Bemerkenswert ist außerdem die emotionale Dimension des Projekts. Während viele wissenschaftliche Sammlungen für Außenstehende zunächst abstrakt wirken, schaffen persönliche Quellen wie Liebesbriefe unmittelbare Identifikation. Citizen Science wird hier nicht allein als Datenerhebung verstanden, sondern als kulturelle Praxis des gemeinsamen Erinnerns und Interpretierens.

Auch das BMFTR-geförderte Projekt „Naturforschung und protestantische Mission – Die Pflanzensammlungen der Herrnhuter Brüdergemeine im Herbarium der TU Dresden: Identifizierung und Kontextualisierung mit Methoden der Digital Humanities zeigt, wie Hochschulsammlungen Wissenschaft erfahrbar machen können. Im Rahmen botanischer Wanderungen begeben sich Interessierte auf die Spuren der Herrnhuter Brüdergemeine, deren Mitglieder bereits im 18. Jahrhundert botanische Erkundungen rund um Barby (Sachsen-Anhalt) durchführten und systematisch die Flora der Region sammelten und konservierten. Ein handschriftliches Exkursionstagebuch von 1766 beschreibt die damaligen Routen und enthält Pflanzenarten, die sich bis heute im Herbarium Dresdense der Technischen Universität Dresden erhalten haben. Während der vom Projekt angebotenen Wanderung werden historische Pflanzenfunde mit der heutigen Vegetation verglichen. Sie ist nicht nur eine Zeitreise in die botanische Forschung des 18. Jahrhunderts, bei der die Teilnehmenden erfahren, wie Wissenschaft, Religion und Naturbeobachtung damals zusammenwirkten. Neben dem botanischen Erkunden geht es auch um das gemeinsame Erleben, bei dem sich neue Perspektiven auf Landschaft, Geschichte und Forschung eröffnen.

Diese Beispiele zeigen: In einer Zeit, in der die Wissenschaft verstärkt ihre gesellschaftliche Relevanz vermitteln muss, können Hochschulsammlungen, Museen und Archive zu sichtbaren Schnittstellen zwischen Forschung und Öffentlichkeit werden. Sie stellen Orte und Räume dar, an denen nicht nur Objekte bewahrt, sondern auch soziale Beziehungen, Erinnerungen und Deutungen ausgehandelt werden können. Universitäten und Hochschulen öffnen sich damit für neue Formen gesellschaftlicher Teilhabe.

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