Methoden der Digital Humanities in der Forschung mit wissenschaftlichen Sammlungen

Auf unterschiedliche Weise erweitern und verändern digitale Methoden und Werkzeuge die Forschung in den Geistes- und Kulturwissenschaften. Auch in der Arbeit mit Hochschulsammlungen spielen Visualisierungen, Netzwerkanalysen oder 3D-Digitalisierung eine immer größere Rolle.

Digitalität ist mittlerweile ein selbstverständlicher Teil der Geistes- und Kulturwissenschaften. Quellenarbeit und Aufzeichnungen erfolgen digital und zum Teil online, ebenso das Publizieren der Ergebnisse. Zudem ermöglichen digitale Ressourcen und Werkzeuge die Entwicklung und Nutzung neuer, datenorientierter Methoden. Dies verändert den Charakter der Forschung: Zum Beispiel spielen Daten und ihre Auswertung eine immer größere Rolle, wodurch sich auch Fragestellungen der Forschenden verschieben. Gleichzeitig wandeln sich die Formen wissenschaftlicher Darstellung – etwa durch neue digitale, visuelle oder interaktive Formate. Zentral sind zwar immer noch die sorgfältige Formulierung und plausible Herleitung in Schriftform, aber zunehmend begegnen wir auch in den Geisteswissenschaften korrespondierenden Statistiken und Visualisierungen. Entsprechende Methoden und Werkzeuge der sogenannten Digital Humanities werden auch in der Forschung und Lehre mit Sammlungen genutzt.

Visualisierungen 

In vielen sammlungsorientierten geisteswissenschaftlichen Disziplinen, wie zum Beispiel der Archäologie oder der Kunst-, Theater-, Literatur- und Musikgeschichte, werden Sammlungen und ihre Objekte nach einheitlichen, international verabredeten Standards dokumentiert und digitalisiert. Dies ermöglicht ein übergreifendes Abfragen und Auswerten von zusammengelegten vernetzten Datenbeständen.

Kartierung des NUMiD-Verbunds

Die Kartierung des NUMiD-Verbunds zeigt die geographische Verteilung der Prägungsstätten der Münzobjekte in universitären Münzsammlungen in Deutschland.
Quelle: https://www.numid.online/map_search

Das vom BMFTR geförderte Verbundprojekt „Netzwerk universitärer Münzsammlungen in Deutschland“ (NUMiD) hat hier exemplarische Arbeit geleistet. Es unterstützte die lokalen Münzsammlungen an deutschen Universitäten bei Erschließung und Digitalisierung nach internationalen Standards. Als Ergebnis sind diese Sammlungsdaten heute nicht nur digital zugänglich, sie lassen sich auch hervorragend analysieren und veranschaulichen. NUMiD hat dafür eigene Visualisierungen und Zugänge geschaffen. So zeigen beispielsweise Kartierungen die geographische Verteilung von Fundorten und Münzstätten. Das projekteigene COINS Visualisierungstool erlaubt zudem die Veranschaulichung unterschiedlicher Aspekte der Münzen in einer intuitiven und attraktiven Darstellung. Unter anderem können die Bestände anhand von Eigenschaften wie Material, Maße, Prägungsstätte oder Fundort verglichen werden. Beide Darstellungen ermöglichen per Mausklick zudem den direkten Zugang zu den jeweiligen digitalisierten Münzobjekten.

Netzwerke und Netzwerkanalysen

Bei der Erschließung und Erforschung von Sammlungen ist es vielfach notwendig, höchst unterschiedliche Daten und Informationen zu dokumentieren. Objekteigenschaften wie Maße und Material, Informationen zu Funktion und Gebrauch, zur Herkunft, zur Objektgeschichte vor und nach der Aufnahme in Sammlungen werden verzeichnet und idealerweise miteinander in Beziehung gesetzt. Hierbei hat sich das Denken und Dokumentieren in Netzwerken als sehr leistungsfähig erwiesen: Die Daten zu Objekten, Personen, Orten oder Ereignissen ergeben dabei Knotenpunkte, die durch spezifische Beziehungen miteinander verknüpft sind. Diese zum Vorschein kommenden Netzwerke werden „Semantische Netze“ oder „Wissensgraphen“ genannt.

Vernetztes Denken erstreckt sich auch auf die Forschung. Netzwerkanalysen sind fester Bestandteil der Digital Humanities geworden. So führt beispielsweise das BMFTR geförderte Verbundprojekt Naturforschung und protestantische Mission – Die Pflanzensammlungen der Herrnhuter Brüdergemeine im Herbarium der TU Dresden in einer Netzwerkanalyse Archivbestände der Herrnhuter Brüdergemeine mit den heute im Herbarium der TU Dresden aufbewahrten botanischen Belegen zusammen. Das interdisziplinäre Projekt geht der Frage nach, worauf die „religiöse Botanophilie”, die Verbindung von Naturwissenschaft und Religion, im Handeln und in den Motiven der beteiligten Personen beruhte.

3D-Digitalisierung als Forschungstool

Visualisierung der analysierten Münzfunde

Visualisierung der analysierten Münzfunde. Nur jeweils die Seiten mit dem Münzstempel sind als schattiertes Relief dargestellt. Vgl: Johann Friedrich Tolksdorf, Rengert Elburg, Thomas Reuter: Can 3D scanning of countermarks on Roman coins help to reconstruct the movement of Varus and his legions, 2016.

Johann Friedrich Tolksdorf et al/Landesdenkmalamt Sachsen

Ein Rätsel der Geschichte ist die so genannte Varusschlacht im Teutoburger Wald. Insbesondere gesicherte Informationen zu den drei Legionen unter dem Kommando von Publius Quinctilius Varus sind rar. Mitarbeitenden des Landesdenkmalamts Sachsen gelang es anhand von Fundmünzen, das Wissen zu diesen Legionen zu vermehren, indem sie römische Münzfunde analysierten, die im Feld mit dem Zeichen des Kommandeurs Varus einseitig teilgeprägt wurden.

Die Autoren digitalisierten Münzen unterschiedlicher Fundstellen in Deutschland in 3D und unterzogen die 3D-Digitalisate einer präzisen Analyse. Da sich die Münzstempel im Laufe der Zeit abnutzten oder beschädigt wurden, konnten die Forschenden spezifische Stempel identifizieren und deren Abnutzungs- und Beschädigungsgrade auswerten. Dies ermöglichte das Erstellen einer Chronologie und, durch Korrelation mit den jeweiligen Fundorten der Münzen, eine spekulative Rekonstruktion der Wege, Zusammenschlüsse, Trennungen und Auflösungen der unterschiedlichen Armeeeinheiten.

Mehr zum Thema