Mit Dingen die Welt begreifen: Wissenschaftliche Sammlungen an Universitäten und Hochschulen

Universitäten und Hochschulen verfügen über eine einzigartige Wissensressource und bedeutende Datenspeicher: Sie bewahren über 1.300 Objektsammlungen aus nahezu allen wissenschaftlichen Disziplinen. Das BMFTR unterstützt die Sammlungen seit 2012 in verschiedenen Förderkontexten.  

Ein Gastbeitrag der Koordinierungsstelle für wissenschaftliche Universitätssammlungen in Deutschland

Kristallographische Lehrsammlung der Humboldt-Universität zu Berlin, Dezember 2023

Kristallographische Lehrsammlung der Humboldt-Universität zu Berlin, Dezember 2023

KUS/HU Berlin, Sarah Elena Link

Die Sammlungen an Universitäten und Hochschulen nehmen eine Vielzahl an Funktionen wahr. Als signifikante Ressourcen materialbasierter Disziplinen tragen sie entscheidend zur Forschung bei – etwa in den Bereichen Biodiversitäts- und Klimaforschung, Archäologie und Provenienzforschung. Zugleich sind sie wichtige Lehr- und Lernorte, in denen sich Wissen interdisziplinär verschränken lässt. Darüber hinaus bewahren sie materielles Kultur-, Natur- und Wissenschaftserbe und fungieren als Orte kultureller Bildung und des Austauschs mit der Gesellschaft. Als multimodale Infrastrukturen kommt ihnen zudem im Kontext des digitalen Wandels eine Schlüsselrolle zu. 

Lehrsammlung Vito Pace

Durch Forschungs- und Lehrtätigkeiten entstehen immer wieder neue Sammlungen, wie hier die Lehrmittelsammlung von Vito Pace, Professor für Bildhauerei und Grundlagen des dreidimensionalen Gestaltens an der Fakultät für Gestaltung der Hochschule Pforzheim.

KUS/HU Berlin, Sarah Elena Link

Die Sammlungen bilden dabei eine beeindruckende Objektvielfalt ab, die den großen Universalmuseen in nichts nachsteht. Sie umfassen unter anderem archäologische Grabungsfunde, Diatheken, Grafik- und Fotosammlungen, ethnografische und religionskundliche Bestände, Herbarien, Saatgutbanken und botanische Lebendsammlungen, Gesteinsproben und Fossilien, Münzen und Medaillen, Kunstwerke, Skulpturen und Zeichnungen, Karten, Pläne und Schulwandbilder, wissenschaftliche Apparate, Instrumente und Modelle sowie Präparate und Taxidermien (Tierpräparate, die zu Anschauungszwecken konserviert wurden).

Sammlungen als wissenschaftliche Infrastrukturen 

In den letzten zwei Jahrzehnten verzeichnen die Hochschulsammlungen und ihre Objekte eine wachsende Aufmerksamkeit. Nicht nur in den Geistes- und Sozialwissenschaften hat der „material turn“ generell die Potentiale der Forschung an und mit materiellen Dingen hervorgehoben und nachhaltige Impulse für die universitäre Sammlungslandschaft gesetzt. Wesentlich zur entsprechenden Aufwertung der Sammlungen in Deutschland trug auch der Wissenschaftsrat mit seinen „Empfehlungen zu Sammlungen als wissenschaftlichen Infrastrukturen" (2011) bei. 

Eine Reihe explizit zugeschnittener Förderlinien initiierte in diesem Kontext neue sammlungsbezogene Forschungs-, Lehr- und Entwicklungsprojekte. So schrieb allein das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) neben der Förderlinie Sprache der Objekte. Materielle Kultur im Kontext gesellschaftlicher Entwicklungen bereits zwei Mal die Förderrichtlinie „Vernetzen – Erschließen – Forschen. Allianz für Hochschulsammlungen“ aus, mit deren Hilfe exemplarisch der überregionale Anwendungsnutzen der Sammlungen für Forschung und Lehre aufgezeigt wird. 

Sichtbarkeit und Nutzbarkeit durch Vernetzung und Professionalisierung 

Regal mit mehreren alten Akkordeons unterschiedlicher Bauart und Farbe in einem Lagerraum

Sammlungen des Center for World Music der Stiftung Universität Hildesheim, Mai 2024

KUS/HU Berlin, Sarah Elena Link

In Folge der Wissenschaftsrat-Empfehlungen wurde zudem 2012 die Koordinierungsstelle für wissenschaftliche Universitätssammlungen in Deutschland eingerichtet. Mit ihrer Arbeit trägt sie bis heute maßgeblich dazu bei, dass Universitäten und Hochschulen ihre Sammlungen als essenzielle wissenschaftliche Ressourcen optimal erhalten, entwickeln, sichtbar und nutzbar machen können. Seit 2022 setzt sie das Begleitvorhaben im Rahmen der BMFTR-Förderrichtlinie „Allianz für Hochschulsammlungen II“ um. Durch Kooperationen und koordinierte Zusammenarbeit schafft sie überregional Synergien und sorgt für einheitliche Standards sowie das zielgerichtete gemeinsame Auftreten und Handeln der Hochschulsammlungen. Mit dem Portal „Wissenschaftliche Sammlungen digital“ betreibt sie das einzige übergreifende Nachweisportal für Sammlungen an Hochschulen und Universitäten in Deutschland. Außerdem erhebt die Koordinierungsstelle kontinuierlich eine deutschlandweite Sammlungsstatistik und sorgt damit für einen transparenten Überblick zur konkreten Nutzbarkeit und Nutzung der Sammlungen. 

Auch darüber hinaus sind die Akteurinnen und Akteure der Hochschulsammlungen mittlerweile eng miteinander vernetzt, etwa über die Gesellschaft für Universitätssammlungen e.V.. Sie vertritt all diejenigen, die sich professionell für die universitären Sammlungen engagieren und richtet jährliche Sammlungstagungen aus.  

Dynamik und Potential der Sammlungen

Mehrere kleine quadratische Fächer mit verschiedenen getrockneten Pflanzenteilen, darauf zwei durchsichtige Schalen mit größeren Samen und Früchten, eine Schale enthält einen Zettel mit Text.

Herbarium Dresdense der Technischen Universität Dresden, März 2024

KUS/HU Berlin, Sarah Elena Link

Sammlungsbestände stehen in einem fortlaufenden Prozess der Neubewertung. Gerade in dieser anregenden Dynamik liegt ihr Potential: Neue Fragestellungen, neue Untersuchungstechniken oder neue gesellschaftliche Bedarfe können stetig neue Bedeutungen und neue Relevanz für Sammlungsobjekte generieren. Vor dem Hintergrund der derzeitig zunehmenden Digitalität stellen die Sammlungen beispielsweise Orte und Räume dar, an denen die materielle Verfasstheit unserer zunehmend virtualisierten Welt erfasst und veranschaulicht werden kann. Gleichzeitig liefern sie unikale Forschungsdaten, die mittels digitaler Vernetzung und moderner Methoden neue Forschungsfragen generieren.

Die folgenden Beiträge dieser Mini-Serie werfen einen Blick auf die vielfältigen Wirkungsfelder der Sammlungen und beleuchten unter anderem, welche Vorteile objektbasierte Lehrformate mit sich bringen, wie Sammlungen und Objekte für den Wissenstransfer nutzbar gemacht werden und welche Rolle sie als multimodale Infrastrukturen für zukünftige Forschungsfragen spielen.

Großgruppe von Menschen vor einem historischen Gebäude mit Säulen und einem Balkon, die in die Kamera lächeln und posieren

Bei der Sammlungstagung 2025 in Berlin tauschten sich 150 Akteurinnen und Akteure des Sammlungsnetzwerks zur Frage „Ist Sammeln zeitgemäß?” aus und diskutierten über Strategien der Bestandserhaltung und -entwicklung sowie der Entnahme aus dem Bestand unter dem Aspekt der Nutzung bzw. Nutzbarkeit universitärer Sammlungen.

ZfK/HU Berlin, Friederike Nolte


 

Miniserie Wissenschaftliche Sammlungen