„Kleine Fächer – Zusammen stark“: Wie Transferprojekte nachhaltige Wirkung entfalten
Von der jüdisch-arabischen Verflechtungsgeschichte über den Umgang mit heiligen Schriften bis hin zu neuen Ansätzen in den China- und Osteuropastudien – die Kleinen Fächer haben während der vierjährigen BMFTR-Förderung herausragende Forschung zu vielfältigen Themen umgesetzt. Nun geht’s weiter mit der einjährigen Transferphase. Hier ein erster Einblick.
BMFTR
Kleine Fächer tragen sowohl zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen als auch zur Erforschung des kulturellen Erbes bei. Um die Kleinen Fächer an ihren Hochschulstandorten zu stärken und sie überregional zu vernetzen, fördert sie das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) seit 2017, und zwar in den Förderlinien „Kleine Fächer – Große Potenziale“ (Bundesanzeiger vom 24.06.2016) und „Kleine Fächer – Zusammen stark“ (Bundesanzeiger vom 02.09.2019). Die ausgewählten Verbundprojekte der Förderlinie aus 2019 hatten die Möglichkeit, nach ihrer vierjährigen Forschungsphase als Einzelvorhaben eine einjährige Transferphase für Aktivitäten zu beantragen, die zur strukturellen Stärkung des jeweiligen Kleinen Fachs beitragen.
In der ersten Ausschreibungsrunde erhielten zwei Verbünde die Förderung für die Transfereinzelvorhaben: UrbanMetaMapping (Video) und ReDiCo, beide haben ihre Transferphase bereits mit Erfolg vollendet. In der zweiten und letzten Ausschreibungsrunde sind vier BMFTR-Projekte im Frühjahr 2026 in die Transferphase gestartet. Was die exzellenten Forscherinnen und Forscher bewirken möchten, erfahren Sie hier, und nachfolgend in den Statements aus erster Hand direkt von den Projektleitungen.
Die Geschichte jüdisch-arabischer Beziehungen erschöpft sich nicht in Narrativen von Konflikt oder Koexistenz, sondern bedarf einer multiplen, diachronen und methodisch vielschichtigen Perspektive. So lautet die Grundüberzeugung des Transferprojekts „Verflechtung, Vermittlung, Vernetzung: Jüdisch Arabische Verflechtungsgeschichte in gesellschaftlicher Anwendung und institutioneller Vernetzung“. Es läuft seit Februar 2026 an der Forschungsstelle für jüdisch-arabische Kulturen an der LMU München, geleitet von Dr. Theresa Bernheimer und basiert auf dem erfolgreich abgeschlossenen BMFTR-geförderten Projekt „Jenseits von Konflikt und Koexistenz. Eine Verflechtungsgeschichte der jüdisch-arabischen Beziehungen“ (2022–2026).
Das Transferprojekt zielt darauf ab, die Kleinen Fächer Judaistik/Jüdische Studien und Islamwissenschaft/Nahoststudien in zweierlei Hinsicht strukturell zu stärken: In der Transferlinie „Verflechtung vermitteln“ entsteht ein modularer Online-Kurs, der jüdisch-arabische Verflechtungsgeschichte didaktisch aufbereitet, sodass er interdisziplinär angewendet und an unterschiedliche pädagogische Kontexte angepasst werden kann. So kann das Wissen aus der „Kleinen Fächer“-Förderung in schulische, universitäre und zivilgesellschaftliche Bildungsprozesse fließen. In der zweiten Transferlinie „Verflechtung vernetzen“ wird ein interdisziplinäres Netzwerk aufgebaut, das auf die dauerhafte institutionelle Verankerung und forschungspolitische Sichtbarkeit der jüdisch-arabischen Verflechtungsgeschichte abzielt. Es soll Forschende aus den Bereichen Jüdische Studien, Islamwissenschaft, Nahoststudien sowie angrenzender Disziplinen verbinden, national wie international.
Herstellung und Handhabung heiliger Schriften gemeinsam erforschen
Wissen vermitteln und Forschende unterschiedlicher Disziplinen zusammenführen, das ist auch das Ziel des Transferprojekts HaZen (Handschriftenzentrum) an der FU Berlin. In der gemeinsamen Arbeit zum Thema Herstellung und Handhabung heiliger Schriften können die Stärken Kleiner Fächer zusammengeführt und voll zur Entfaltung gebracht werden, so die Grundidee. Denn: Der gemeinsame Blick auf soziale, ökonomische und religiöse Zusammenhänge zwischen den Kulturen fördert nicht nur den wissenschaftlichen Diskurs und das gegenseitige Verstehen, sondern trägt wesentlich zu neuen Erkenntnissen mit Blick auf einen zentralen, identitätsstiftenden Aspekt aller Schriftkulturen bei.
Im Zentrum von HaZen steht die Planung und Etablierung eines Stipendien-Programms und eines Zentrums zur Erforschung der Herstellung und Handhabung heiliger Schriften. Geleitet wird das Transferprojekt von Dr. Annett Martini, zuvor Projektleiterin des BMFTR-geförderten Verbundprojekts "Materialisierte Heiligkeit: Torarollen als kodikologisches, theologisches und soziologisches Phänomen der jüdischen Schriftkultur in der Diaspora". Mit dem HaZen-Projekt kann ein wichtiger Baustein nicht nur der jüdischen, sondern auch der europäischen und nicht-europäischen Kulturgeschichte aufgearbeitet und der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, etwa durch einen Wissensspeicher, Tagungen, Workshops, Seminare und Ausstellungen. Darüber hinaus trägt ein solches Zentrum dazu bei, die Kleinen Fächer sichtbar zu machen, Studierende und Nachwuchskräfte anzuziehen und so die Geschichts- und Kulturwissenschaften insgesamt zu stärken.
Taiwanforschung nachhaltig ausbauen
Die Taiwanstudien im Kleinen Fach Sinologie zu stärken und zu vernetzen – dieses Ziel verfolgt seit Februar 2026 das Transferprojekt „Taiwan als Pionier – Dynamik aus lokaler Innovation und globalen Megatrends“ (TAP Transfer) an der Universität Trier. Es knüpft an das BMFTR-geförderte Verbundprojekt „Taiwan als Pionier“ (siehe GSW-Interview) an und wird von Dr. Josie-Marie Perkuhn geleitet. In der Transferphase macht es die Ergebnisse der Hauptphase des Verbunds bundesweit sichtbar, baut das geschaffene Forschungsnetzwerk interdisziplinär aus und öffnet es für gesellschaftliche Akteure jenseits der Wissenschaft. Zugleich werden die gesammelten Forschungsdaten in eine benutzerfreundliche Publikationsplattform überführt und das im Verbund entstandene Handbuch zur Taiwanforschung „Taiwan Studies Reconfigured – Islands of Inquiry“ öffentlichkeitswirksam präsentiert. Ergänzend dazu ist der Aufbau eines Portals für Taiwanstudien innerhalb der digitalen Infrastruktur der Universität Trier vorgesehen: Zwei Publikationsplattformen – die Datenbank „TAPHub“ und das Digitalforum „Forschungskolleg Taiwanstudien“ sollen Daten, Ergebnisse und fachlichen Austausch bereitstellen bzw. ermöglichen. Schon jetzt hat TAP Transfer Angebote zur Nachwuchsförderung auf dem Programm.
Osteuropastudien und die Ukrainistik neu ausrichten
Das an der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) angesiedelte Transferprojekt möchte das überregionale und interdisziplinäre Forschungsnetzwerk „War and Peace in Post-Socialist Space” (WARP) gründen und dauerhaft etablieren. Das von Dr. Oleksandr Chertenko geleitete Transferprojekt ist im April 2026 gestartet und baut auf dem BMFTR-geförderten Verbundprojekt „(Un)Disciplined – Pluralizing Ukrainian Studies, Understanding the War in Ukraine“ (UNDIPUS)“ auf. Ziel ist es, Forschende unterschiedlicher GSW-Disziplinen, die über Expertise zu den Kriegen und gewaltsamen Konflikten im postsozialistischen Raum verfügen, in gemeinsame Forschungs- und Ausbildungsprojekte einzubinden. Darüber hinaus sollen die Forschungsergebnisse in öffentlichkeitswirksamen Formaten präsentiert und so auch einem Publikum jenseits des Faches zugänglich gemacht werden.
Das Forschungsnetzwerk wird an zwei Strukturen der JLU angebunden: das Gießener Zentrum Östliches Europa (GiZo) und das International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC)/Research Centre for the Study of Culture (RCSC). Zugleich baut das Netzwerk die interdisziplinäre Zusammenarbeit deutschlandweit und international aus. Die Forschung vereint Aktualitätsbezug und Grundlagenforschung. WARP will neue Perspektiven eröffnen und die Osteuropastudien sowie die Ukrainistik als „Laboratorien“ etablieren, die Denk- und Lösungsansätze für komplexe globale Herausforderungen und überregionale Konflikte bieten.
Erfahren Sie hier, was die Projektleitungen persönlich motiviert, ihr Transfervorhaben in ihrem Kleinen Fach voranzutreiben
Hier geht’s zu den Statements der Projektleitungen:
Dr. Theresa Bernheimer
Dr. Theresa Bernheimer, Transferprojekt „ VVV“ (Verflechtung, Vermittlung, Vernetzung: Jüdisch Arabische Verflechtungsgeschichte in gesellschaftlicher Anwendung und institutioneller Vernetzung), LMU München
Fotograf: Mathias Remmling
Transferprojekt „ VVV“ (Verflechtung, Vermittlung, Vernetzung: Jüdisch Arabische Verflechtungsgeschichte in gesellschaftlicher Anwendung und institutioneller Vernetzung), LMU München
„Im Verlauf unseres Projekts ist immer deutlicher geworden, wie wichtig es gerade im derzeitigen politischen Kontext ist, Abgrenzungen zu überwinden. Mich berührt die Bereitschaft vieler Kolleginnen und Kollegen, trotz Kriegen und Reisebeschränkungen immer wieder zum Austausch zusammenzukommen und auch schwierige Themen offen anzusprechen.
Unsere Konferenz The Materiality of Jewish-Arabic Relations im Januar 2026 war ein wunderbarer Übergang zu unserem Transferprojekt. Die Beiträge haben die Komplexität jüdisch-arabischer Beziehungen anhand konkreter Fallbeispiele sichtbar gemacht und damit den Grundstein für unser heutiges Ziel gelegt: dieses Wissen verständlich zu vermitteln, Grundlagen für einen reflektierten Umgang mit Vergangenheit und Gegenwart zu schaffen und den Dialog über kulturelle Vielfalt zu stärken.“
Dr. Annett Martini
Dr. Annett Martini, Transferprojekt „HaZen“ (Planung und Etablierung eines Stipendien-Programms und eines Zentrums zur Erforschung der Herstellung und Handhabung heiliger Schriften und Ikonen), FU Berlin
privat
Transferprojekt „HaZen“ (Planung und Etablierung eines Stipendien-Programms und eines Zentrums zur Erforschung der Herstellung und Handhabung heiliger Schriften und Ikonen), FU Berlin
„Unter dem Motto „Shaping Holiness“ möchte ich Menschen zusammenführen, deren Wege sich unter anderen Umständen vielleicht nie kreuzen würden, und einen Dialog ermöglichen, in dem neben Differenzen auch Gemeinsamkeiten, Verflechtungen und wechselseitige Einflüsse zwischen religiösen und kulturellen Traditionen sichtbar werden. Ein erster Schritt auf diesem Weg ist der Aufbau eines internationalen Stipendienprogramms, das es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in unterschiedlichen Karrierephasen ermöglicht, für mehrere Monate in Berlin ihren eigenen Forschungsvorhaben nachzugehen und zugleich Teil einer fachübergreifenden Gemeinschaft zu sein."
Dr. Josie Marie Perkuhn
Projekt-Logo TAP
TAP
Transferprojekt „TAP“ (Taiwan als Pionier (TAP) - Dynamik aus lokaler Innovation und globalen Megatrends), Uni Trier
„Angesichts der verrückten globalen Machtverhältnisse sind Demokratien weltweit bedroht – so auch Taiwan. Deshalb ist es mir ein persönliches Anliegen, unsere Erkenntnisse zu Taiwan zu verbreiten. Taiwan ist zentraler Lieferant für Innovationstechnologie sowie Partner dabei, Bewältigungs- und Lösungsstrategien für die Herausforderungen globaler Megatrends zu entwickeln. Taiwanforschung braucht Sichtbarkeit und fachkundigen Austausch. Dazu haben wir das TAP-Netzwerk geschaffen. Mit dem Aufbau eines digitalen ‚Forschungskollegs Taiwanstudien‘ möchte ich die Taiwanexpertise bündeln und öffentlich machen.“
Dr. Oleksandr Chertenko
Dr. Oleksandr Chertenko, Transferprojekt „WARP“ (Krieg und Frieden im postsozialistischen Raum), Uni Gießen
Natallia Pazniak
Transferprojekt „WARP“ (Krieg und Frieden im postsozialistischen Raum), Uni Gießen
„Dem Projekt liegt der Wunsch zugrunde, Kriege und gewaltsame Konflikte im postsozialistischen Raum in ihren komplexen Kontexten und Verflechtungen zu verstehen. Wie bereits im Vorgängerprojekt (UNDIPUS) möchte ich das von Nationalismus und Regionalismus geprägte Denken überwinden und das Forschungsfeld pluralisieren. Als Ukrainer ist es mir dabei auch wichtig, den Russisch-Ukrainischen Krieg ohne Vereinfachungen zu betrachten, um auch die Friedensperspektiven besser ausloten zu können.“
In aller Kürze: BMFTR-Förderung für Kleine Fächer
Um die Kleinen Fächer an ihren Hochschulstandorten und darüber hinaus zu stärken, sind die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses sowie die institutionelle und fächerübergreifende Vernetzung von zentraler Bedeutung.
Mit zwei Förderrichtlinien unterstützt das BMFTR seit 2017 exzellente Forschung und Vernetzung in den Kleinen Fächern:
1. Förderlinie I „Kleine Fächer – Große Potenziale“ (2017-22):
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