Modifizieren und Bewahren: Funktionserhalt als Forschungsgrundlage

Hochschulsammlungen sind Gebrauchssammlungen und damit aktive Werkzeuge wissenschaftlicher Praxis. Entscheidend ist daher nicht allein der materielle Erhalt der Objekte, sondern auch ihre Funktionsfähigkeit – denn erst durch sie werden historische Erkenntnisprozesse nachvollziehbar.

Ausstellung zum Schmerzsalon

Das Temporäre Objektlabor während der Ausstellung zum Schmerzsalon, Januar 2025.

Clemens Janke, OVGU Magdeburg

Ein bedeutender Teil der Wissenschaftsgeschichte lässt sich über die in Hochschulsammlungen bewahrten Instrumente, Modelle und Geräte nachvollziehen. Um die Wissens- und Erkenntniswege hinter diesen Dingen zu ergründen, ist jedoch nicht allein ihre Bewahrung wichtig. Der Erhalt ihrer Funktionsfähigkeit ist von ebenso großer Bedeutung, um vergangene Prozesse und Praktiken nachzuvollziehen und ihre historische und gesellschaftliche Verortung zu reflektieren. Gleichzeitig erschließen sich dadurch oftmals neue Erkenntnisräume.

Funktionserhalt als Sammlungspraxis

Ausstellung des Computermuseums der Informatik an der Universität Stuttgart

Die Mitarbeitenden des Computermuseums halten Rechenmaschinen und Computer in Stand. Sie kennen nicht mehr gebräuchliche Programmiersprachen, reparieren defekte Hardware und verfügen hierfür über ein umfangreiches Lager an Ersatzteilen. 

Gesa Grimme, HU Berlin

Charakteristisch für Hochschulsammlungen ist ihre Nutzung in Forschung, Lehre und Vermittlung. Besonders bei Sammlungen der Medizingeschichte und -technik, der Informatik oder der Musikwissenschaft ist es entscheidend, dass die Objekte weiterhin praktisch eingesetzt werden können, um ihr volles Potential auszuschöpfen. Dabei stehen sich Funktions- und Bestandserhalt nicht zwangsläufig gegenüber, sondern können einander ergänzen.

Die essentielle Bedeutung, die der Erhalt beziehungsweise die Instandsetzung der Funktionsfähigkeit für Bewahrung und Nutzbarmachung von technikhistorischen Beständen mit sich bringt, lässt sich am Beispiel des Computermuseums der Informatik an der Universität Stuttgart verdeutlichen. Anhand der Sammlung wird die Entwicklung der Computer von historischen Rechenmaschinen bis hin zu den Mikroprozessoren nachgezeichnet, die in der Mitte der 1970er Jahre den Beginn der heutigen Digitalisierung einleiteten. Das Besondere ist, dass viele der Geräte in Betrieb gezeigt werden können. Studierenden und Besuchenden wird so ein einzigartiger Einblick in die Funktionsweise historischer Computer wie auch in die Arbeitsabläufe der frühen elektronischen Datenverarbeitung ermöglicht.

Tonbänder im Nachlass Peter Ury

Tonbänder aus dem Nachlass des jüdischen Komponisten Peter Ury. Sein umfangreicher Nachlass wird im EZJM der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover aufbewahrt und im KOSTIMA-Projekt untersucht. 

Gesa Grimme, HU Berlin

Auch in musikwissenschaftlichen Sammlungen und Musikarchiven, ist es entscheidend, dass Tonträger abgespielt werden können und passende Abspielgeräte betriebsbereit sind. Erst dadurch wird die Digitalisierung der Bestände möglich. Im BMFTR-geförderten Verbundprojekt „Kontrahegemoniale Stimmen in Musikarchiven“ (KOSTIMA), das sich mit Beständen im Archiv für die Musik Afrikas (AMA) in Mainz, im Europäischen Zentrum für Jüdische Musik (EZJM) in Hannover und im Center for World Music (CWM) in Hildesheim beschäftigt, wird dies besonders deutlich. Für die Digitalisierung der Musik- und Videokassetten, Tonbänder, CDs und Schallplatten wurde eigens eine Werkstatt mit passenden Abspielgeräten eingerichtet, die von den Projektmitarbeitenden in Stand gehalten werden.

Digitalisierungswerkstatt des KOSTIMA-Projekts in Hannover

Digitalisierungswerkstatt des KOSTIMA-Projekts in der Zentralbibliothek der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. 

Gesa Grimme, HU Berlin

Funktionserhalt als Material Culture Forschung

Eine besonders prominente Rolle spielen (Wieder)Instandsetzung und Funktionserhalt im BMFTR-geförderten Verbundprojekt „Schlaf – Schmerz – Stress – Kulturen und Techniken von Biofeedback-Systemen 1960–1990: Material Culture Forschung in der Medizintechnischen Sammlung der OVGU“ (3ioS). Anhand der medizintechnischen Sammlung der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg wird die Geschichte der Medizintechnik in der DDR untersucht, wobei der Fokus auf der Geschichte von Mensch-Maschine-Interaktionen unter den Aspekten Schlaf, Schmerz und Stress liegt.

Einzelne der ehemals in DDR-Krankenhäusern verwendeten Geräte der Sammlung werden im Rahmen des Projekts wieder funktionstüchtig gemacht. Nur so können „die dynamischen sinnlich-körperlichen Qualitäten der Geräte im ‚Betriebszustand‘ für die technikhistorische Forschung fassbar werden (beziehungsweise. bleiben) und neue Fragen zu interaktiven menschlich- technischen Relationen formuliert werden”, wie die Projektmitarbeitenden Clemens Jahnke und Theresa Stampfer in ihrem Projektbericht betonen. Die wieder in Stand gesetzten Geräte werden damit zu einer wertvollen Ressource für interdisziplinäre Forschung und Lehre.

Funktionserhalt als Tagungsthema

Dem Spannungsverhältnis von Bewahrung und Funktionserhalt wurde bereits auf der 7. Sammlungstagung 2015 in Freiberg ein Panel gewidmet. Dort zeigte sich, dass hinsichtlich unterschiedlichster Objekte, darunter Dampfmaschinen, Saurierknochen und Münzen, von (Wieder)Instandsetzung gesprochen werden kann. Diese Diskussion wird auch von der diesjährigen Sammlungstagung aufgegriffen. Das „3ioS“-Projekt und die Kustodie der Universität Magdeburg laden vom 10. bis 12. September 2026 unter dem Thema „(Wieder)Instandsetzung. Modifizierendes Bewahren als Sammlungspraxis“ nach Magdeburg ein. Die Veranstaltung will sich die Mannigfaltigkeit wissenschaftlicher Sammlungen zu Nutze machen, um Fragen nach dem Erhalt von Funktionen und Praktiken der (Wieder)Instandsetzung aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu diskutieren. Interessierte sind herzlich eingeladen!

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