Sammlungen als Ressourcen. Herausforderungen und Perspektiven für die Sammlungsforschung
Sarah Elena Link und Martin Stricker leiten die Koordinierungsstelle für wissenschaftliche Universitätssammlungen in Deutschland, die vom BMFTR von 2012 bis 2022 gefördert wurde und die aktuell das Begleitvorhaben im Rahmen der Förderrichtlinie „Allianz für Hochschulsammlungen II“ umsetzt.
Das Team der Koordinierungsstelle bringt die Ergebnisse und Good Practices aus den Allianz-Forschungsvorhaben in übergreifende Diskussionen, Netzwerke und Arbeitsgemeinschaften ein, wie hier auf einem Workshop der zentralen Sammlungskoordinationen im November 2023 in Berlin.
Gesa Grimme, HU Berlin
In zwei Runden hat das BMFTR seit 2016 insgesamt 21 Forschungsprojekte an Hochschulsammlungen gefördert. Was können Förderrichtlinien wie die „Allianz für Hochschulsammlungen” bewirken?
SL: Grundsätzlich bringt eine solche Förderung Aufmerksamkeit für die Sammlungen an Universitäten und Hochschulen, für ihre vielfältigen Potentiale, aber auch für ihre Bedarfe und Herausforderungen. Wie der Wissenschaftsrat bereits im Jahr 2011 betont hat, gibt es eine unglaubliche Bandbreite innerhalb der Sammlungslandschaft an den Hochschulen. Allein das Aufsetzen einer Förderung durch Institutionen wie das BMFTR führt dazu, dass Hochschulleitungen und Forschende den Sammlungen eine erhöhte Aufmerksamkeit entgegenbringen. Das haben wir vielfach feststellen können. Auch wenn am Ende angesichts von deutschlandweit über 1300 Sammlungen nur punktuell gefördert werden kann, so ist dieser Effekt doch in der gesamten Sammlungs-Community spürbar.
Ein wichtiges Element ist dabei das Begleitvorhaben der Koordinierungsstelle, das die Vernetzung, den Wissenstransfer und die Integration der Ergebnisse in die bundesweite Sammlungs-Community unterstützt.
SL: In den aktuellen Projekten geht es um sehr unterschiedliche Fragestellungen und auch die beteiligten Sammlungen sind äußerst heterogen. Die geförderten Projekte beschäftigen sich beispielsweise mit Theater- und Designsammlungen, mit Musikarchiven sowie mit Beständen der Medizin- und Technikgeschichte und der Botanik. Die Fragestellungen in den einzelnen Projekten sind disziplinspezifisch, aber sowohl die genutzten theoretisch-methodischen Zugänge als auch die Probleme und Herausforderungen, mit denen die Forschenden in der Arbeit mit Sammlungen und Objekten konfrontiert sind, sind auch für andere relevant.
Als Begleitvorhaben ist es unsere Aufgabe, die Projekte nicht nur mit Rat und Tat bei der Realisierung ihrer Vorhaben zu unterstützen, sondern auch dazu beizutragen, dass das Gesamtnetzwerk der wissenschaftlichen Sammlungen von der Arbeit und den Erkenntnissen der Vorhaben profitiert. Als Koordinierungsstelle verfügen wir über langjährige Erfahrungen und ein umfassendes Portfolio an Services und Infrastrukturen, das sämtliche Aspekte der Arbeit in und mit den Sammlungen umfasst. Dies können wir im Begleitvorhaben produktiv einsetzen. Wir beraten die Mitarbeitenden der Forschungsvorhaben in Bereichen wie Bestandserhalt und Konservierung, Digitalisierung und Erschließung, Sammlungsmanagement und strategische Sammlungsentwicklung. Dabei sehen wir sehr konkret, wie und welche Lösungen sinnvoll und nachhaltig umgesetzt werden können. Diese Erfahrungen fließen direkt wieder in unsere Arbeit ein. Wir dokumentieren die Ergebnisse und Good Practices aus den Forschungs- und Entwicklungsvorhaben, machen sie nachnutzbar und nachhaltig verfügbar und bringen sie in sammlungs-, standort- und disziplinübergreifende Diskussionen, Netzwerke und Arbeitsgemeinschaften ein. Außerdem setzen wir uns in der Beratung der Forschungsprojekte für einheitliche Standards und ein abgestimmtes Vorgehen ein. Von all dem profitiert die deutsche Sammlungs-Community als Ganzes.
Welche Besonderheiten und Herausforderungen sind bei der Forschung in und mit Hochschulsammlungen zu beobachten?
MS: Kooperation und Vernetzung gehören bei allen Projekten zum Kernkonzept. Sei es, dass unterschiedliche Sammlungen unterschiedlicher Fächer an einer Universität miteinander kooperieren, oder dass fachverwandte Sammlungen unterschiedlicher Hochschulen sich zusammenschließen. Zudem „provozieren” materielle Objekte interdisziplinäre Zusammenarbeit, da sie häufig für unterschiedliche Zusammenhänge relevant sind. Das ist oft eine Herausforderung, weil unterschiedliche Fachkulturen eine gemeinsame Sprache finden müssen; im Ergebnis ist es allerdings sehr ertragreich und begeistert die Beteiligten.
SL: Eine Herausforderung ist die leider oft fehlende Grundfinanzierung der Sammlungen und ihrer Infrastrukturen. Objekte in Depots konservatorisch angemessen aufzubewahren, Maßnahmen zur Restaurierung, Infrastrukturen für die Erschließung und Digitalisierung – dies alles ist aufwendig und bisweilen kostspielig. Der Rat für Informationsinfrastrukturen hat 2024 zutreffend festgestellt, dass materielle Sammlungen „multimodale” Infrastrukturen sind: sie sind für materielle/physische und digitale Sammlungen zugleich verantwortlich, pflegen sie und die Zugänge für sie.
Welche Herausforderungen und Chancen gibt es durch aktuelle technologische Entwicklungen?
Dieser CT-Scan einer Armprothese nach Sauerbruch erlaubt einmalige Rückschlüsse zu Aufbau und Technik. Die Prothese stammt aus der Sammlung des Medizinhistorischen Museums der Charité Universitätsmedizin Berlin, der CT-Scan wurde 2021 am Institut für Biologie/AG Vergleichende Zoologie der Humboldt Universität zu Berlin erstellt.
BMM Charité Universitätsmedizin Berlin und Institut für Biologie/AG Vergleichende Zoologie HU Berlin
MS: Wir erleben im Bereich der technologischen Entwicklungen erhebliche Ungleichzeitigkeiten im Bereich der Sammlungen an Universitäten und Hochschulen. Manche Sammlungen haben kaum Unterstützung und Infrastrukturen für eine Basiserschließung, andere entwickeln und experimentieren mit den neuesten Werkzeugen. Insgesamt herrscht eine große Experimentier- und interdisziplinäre Kooperationsbegeisterung. Es macht wirklich Spaß, dabei zu sein und die Ergebnisse in die alltägliche Beratungs- und Unterstützungsarbeit einfließen zu lassen.
Selbstverständlich sind KI-Technologien auch in der Sammlungsarbeit der heiße Trend. Sie werden bereits breit eingesetzt, und wir diskutieren und experimentieren viel in den Kontexten Ethik und Programmatik. Müssen wir Open Access und freien Zugang neu gestalten im Hinblick auf die Allgegenwärtigkeit der „gefräßigen” AI-Bots, die auf der Jagd nach Trainingsdaten sind? Wie können wir selbst das Verhalten der KI-Tools besser kontrollieren, wie stellen wir digitale Souveränität her?
Welche Potentiale und Perspektiven hat die Forschung an und mit Sammlungen?
SL: Das Spannende an Sammlungen ist, dass es fast unmöglich ist, ihr Potential und ihre Relevanz belastbar zu definieren oder vorherzusagen. Neue Forschungsfragen kommen auf, und auf einmal sind alle froh, dass wir die Sammlungen und Objekte noch haben. Wer hätte zuvor gedacht, dass wir die in all den Jahrhunderten gesammelten botanischen und zoologischen Belege und Präparate einmal dazu brauchen, um Klimageschichte zu schreiben und Vorhersagen treffen zu können? Neue Methoden und Technologien lassen uns alte Fragen endlich beantworten. So lassen sich durch Genanalysen in den biologischen Wissenschaften beispielsweise Phänomene wie Artensterben, Epidemien und Pandemien sowie die Evolution des Menschen viel besser verstehen. Moderne bildgebende Verfahren ermöglichen es, Material, Herstellungstechniken und Funktionsweisen sowohl von Kunst- und Kulturobjekten als auch von wissenschaftlichen Geräten und Instrumenten genauer zu bestimmen.
MS: Aus diesen Gründen setzen wir uns an der Koordinierungsstelle für eine kontinuierliche Grundfinanzierung der Sammlungen als Infrastrukturen für Forschung und Lehre ein; und wegen ihrer besonderen Eignung auch als Infrastrukturen für gesellschaftlichen Wissenstransfer. Wir vernetzen, unterstützen, beraten, und begleiten Hochschulsammlungen in Deutschland dafür: für die Erfüllung ihrer wichtigen Funktionen für Wissenschaft und Kultur.
Das Interview erfolgte mündlich am 13. Mai 2026, Fragen: Gesa Grimme.
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