Eine Frage des Umgangs: Sensible Sammlungen als Herausforderung und Chance
Sensible Objekte stellen sammlungsbewahrende Institutionen vor Herausforderungen – nicht zuletzt die Hochschulen. Entsprechende Sammlungen erfordern eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie ein angemessener ethischer Umgang mit ihnen aussehen kann. Dabei geht es auch um die Übernahme von Verantwortung und insbesondere um die Entwicklung einer Haltung zu den fraglichen Beständen.
Unter den vielfältigen Sammlungsbeständen, die an deutschen Hochschulen bewahrt werden, finden sich auch Gegenstände, die einen besonderen Umgang erfordern. Hierzu gehören zum Beispiel menschliche Körperteile, Objekte aus religiösen und rituellen Kontexten oder Publikationen, Archivalien oder Fotografien mit diskriminierenden Inhalten. Dies betrifft in besonderem Maß Bestände aus kolonialen Kontexten und der Zeit des Nationalsozialismus, Kulturgüter aus Raubgrabungen sowie zoologische und biologische Belege, die unter Artenschutz stehen. Solche Bestände werden daher als „sensibel“ bezeichnet.
Sensible Sammlungen als Herausforderung
Sensible Sammlungen sind auf vielfältige Weise herausfordernd. Sie werfen Fragen nach einem angemessenen ethischen Umgang auf, erfordern die Untersuchung ihrer Provenienz, und drängen darauf, Vorgaben zu entwickeln, die für den weiteren Umgang mit ihnen leitend sind: Wie etwa müssen sterbliche Überreste aufbewahrt werden? Darf an menschlichen Präparaten überhaupt geforscht werden? Können rituelle Gegenstände ausgestellt werden? Oder: müssen Objekte zurückgegeben und sterbliche Überreste bestattet werden? Welche Mitspracherechte haben dabei Nachfahrensgemeinschaften?
Chancen der Auseinandersetzung
Während des Projekts erfolgte der Umzug der MAS an einen neuen Standort. Damit konnte auch die Aufbewahrungssituation der Fetuspräparate verbessert werden, die nun den aktuellen konservatorischen Standards entspricht.
Sarah Elena Link, HU Berlin
Mit solchen Herausforderungen beschäftigt sich aktuell das BMFTR-geförderte Verbundprojekt „Agency und Ethik – Sensible Objekte in Hochschulsammlungen“ (AESOH). Es untersucht anhand von Fallbeispielen aus Sammlungen der Universität Marburg, wie mit Objekten umzugehen ist, die in unterschiedlichen Kontexten als religiös, kulturell oder historisch sensibel gelten.
Die Religionskundliche Sammlung beschäftigt sich dabei mit den Konsequenzen, die sich aus dem Zusammenspiel von Sensibilität und Wirkmächtigkeit eines Objekts ergeben, etwa für die Aufbewahrung und Präsentation. Einbezogen werden hier auch die Perspektiven derjenigen, die die Gegenstände herstellten oder verwendeten und die bisher oft unbeachtet blieben. In der Ethnographischen Sammlung wird anhand von afro-amerikanischen Altären der Umgang mit menschlichen Überresten und Göttern in Sammlungen und Ausstellungen untersucht. Im Mittelpunkt der Forschung in der Medizinhistorisch-Anatomischen Sammlung (MAS) steht hingegen die Aufarbeitung der Provenienz von Fetuspräparaten. Abschließend ergänzt eine sammlungsübergreifende Fallstudie zu altägyptischen menschlichen Überresten die Untersuchungen. Verbundübergreifendes Ziel ist es, im interdisziplinären Austausch Lösungsansätze zum Umgang mit sensiblen Beständen zu entwickeln, die nachfolgend auch anderen Sammlungen pragmatische Handlungsmöglichkeiten eröffnen.
Produktives Potential
Die Auseinandersetzung mit sensiblen Sammlungen ermöglicht auch ein Überdenken und eine Neubefragung von Arbeitsgrundlagen und Fachwissen – eine wesentliche Voraussetzung, um die Wissenschaftspraxis an aktuelle ethische Standards anzupassen. Welches Potential hierin liegen kann, zeigt das vom BMFTR-geförderte Projekt „Körper & Malerei“ zur Erschließung, Erforschung und Nutzung der Anatomischen Lehrsammlung und der Gemäldesammlung der Hochschule für Bildende Künste Dresden (HfBK). Anhand der seit 1800 zusammengetragenen Anatomischen Sammlung wurden Fragen zum ethischen Umgang mit historischen menschlichen Präparaten und deren Rolle an Kunsthochschulen verhandelt. Die im Projekt erarbeiteten Lehrkonzepte vermitteln Studierenden nicht nur Inhalte zur Künstleranatomie und zur Restaurierung, sondern auch einen respektvollen Umgang mit den Modellen und menschlichen Präparaten. Das Projekt zeigt, dass ein verantwortungsbewusster, ethischer Umgang mit sensiblen Sammlungen deren Nutzung nicht ausschließen muss.
Ein Ergebnis des Projekts war etwa die Entscheidung der HfBK, aus ethischen Gründen kein Bildmaterial der menschlichen Skelette an die Öffentlichkeit zu geben. Auch Besuchende der Sammlung dürfen keine Fotografien von den menschlichen Präparaten anfertigen.
Robert Vanis, HfBK Dresden
Haltung entwickeln
Diese Beispiele zeigen das produktive Potential, das in der Auseinandersetzung mit sensiblen Beständen liegt. Möglichkeiten zur Nutzung und Zugänglichmachung lassen sich im inter- und transdisziplinären Austausch sowie in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Anspruchsgruppen – beispielsweise den Herkunftsgemeinschaften von Objekten – erarbeiten. Für die sammlungsbewahrenden Institutionen und ihre Mitarbeitenden ergibt sich hierdurch die Chance, eine eigene Haltung zu problematischen Aspekten der jeweiligen Fachgeschichte und deren materiellen Quellen zu entwickeln. Erst dies ermöglicht informierte Entscheidungen zum weiteren Umgang mit den fraglichen Sammlungsbeständen.
Damit eröffnen sich immer auch Möglichkeiten für den Austausch von Wissenschaft und Gesellschaft: Anhand der Bestände lassen sich aktuelle Fragen zur Wissenschaftsgeschichte und -ethik verdeutlichen und auch die Frage diskutieren, welche Wissenschaftspraktiken eine demokratische Gesellschaft braucht.
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