Erkunden, begreifen, erforschen. Potentiale sammlungs- und objektbasierter Lehre

Sammlungsobjekte sind bedeutende Ressourcen für akademische Lehr- und Lernformate. Die direkte Auseinandersetzung mit Artefakten fördert Analysefähigkeit, vernetztes Denken sowie kreative Ansätze.

Arbeiten im Temporären Objektlabor

Studierende bei der Arbeit im „Stresssalon“ des Temporären Objektlabors der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Oktober 2025

Gesa Grimme, HU Berlin

Die Arbeit mit materiellen Objekten eröffnet Studierenden einen einzigartigen Zugang zu Wissen. Sie setzen sich unmittelbar mit Dingen auseinander, untersuchen ihre Materialität und Gebrauchsspuren, ihre historische und kulturelle Einbettung. Wissenschaftliches Arbeiten wird dadurch konkret und anschaulich.

Schulwandbild Cocos-Palme

Schulwandbild Cocos-Palme (Cocos nucifera), Leutert & Schneidewind, Dresden um 1900, Signatur: FHBW/RK31055. Die Darstellung der Kokosnussernte in der damaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika verweist auf koloniale Arbeits- und Herrschaftsstrukturen. Das Bild verknüpft naturkundliches Wissen mit kolonialen Wirtschaftsinteressen und gesellschaftlichen Machtverhältnissen. Studierende lernen in der Auseinandersetzung damit, dass Bilder und Objekte niemals neutrale Wissensspeicher sind, sondern kulturelle und politische Perspektiven transportieren.

Sammlung Forschungsstelle Historische Bildmedien Würzburg.

Darin liegt das besondere Potential sammlungs- und objektbasierter akademischer Lehre. Objekte fordern dazu auf, genau hinzusehen, Fragen anhand des Gegenstands selbst zu entwickeln und unterschiedliche Ansätze oder Disziplinen miteinander zu verbinden. Sie fördern analytisches und vernetztes Denken und eröffnen neue Zugänge. Zugleich besitzen materielle Artefakte eine starke Wirkung auf die Lernmotivation: Viele Studierende erleben die Arbeit mit originalen Objekten als besonders intensiv.

Oft werden die Sammlungsgegenstände dabei selbst zum Ausgangspunkt wissenschaftlicher Erkenntnisprozesse und es entstehen ganz neue Fragen und Perspektiven. Studierende übernehmen dabei selbst die Rolle Forschender und das objektbasierte Lernen wird zu forschendem Lernen, aus dem neues Wissen entsteht.

Kulturelle, historische und wissenschaftliche Dimensionen erkennen und reflektieren

Von den Vorzügen sammlungsbasierter Lehrformate ist auch Dr. Ina Katharina Uphoff, Leiterin der Forschungsstelle Historische Bildmedien an der Universität Würzburg, überzeugt. Im Rahmen des Projekts „Signaturen des Blicks – Facetten des Sehens” (INSIGHT), das vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert wurde, hat sie Lehrveranstaltungen konzipiert, in denen Studierende sich forschend mit Materialität, Bildsprache und historischen Kontexten von Schulwandbildern auseinandersetzen.

„Zentral im Seminar ist die Objektinteraktion, also die unmittelbare Begegnung mit dem Objekt als Ausgangspunkt wissenschaftlicher Erkenntnis. Das Seminar verbindet praktische Sammlungsarbeit, wissenschaftliche Analyse und bildungstheoretische Reflexion. Schulwandbilder werden als historische Zeugnisse erfahrbar, die Wissen nicht nur vermitteln, sondern selbst kulturelle Bedeutungen erzeugen. Dadurch entwickeln Studierende Kompetenzen im genauen Beobachten, Interpretieren und kritischen Hinterfragen. Gleichzeitig fördert die Objektarbeit eigenständige Forschungsprozesse, interdisziplinäres Denken sowie ein vertieftes Verständnis für die historische Bedingtheit von Wahrnehmung und Wissensproduktion.”

Dr. Ina Katharina Uphoff

Kollaborative und praxisnahe Formen wissenschaftlichen Lernens

Sammlungsobjekte entziehen sich häufig einer schnellen oder eindeutigen Interpretation und verlangen eine multiperspektivische Betrachtung. Gerade diese Mehrdeutigkeit macht sie didaktisch wertvoll. Historische, politische, ästhetische und unterschiedliche wissenschaftliche Fragestellungen greifen ineinander. Die Arbeit am Objekt führt dazu, dass erste Annahmen revidiert und neue Zusammenhänge sichtbar werden.

Dies zeigt sich auch im BMFTR geförderten Projekt „Schlaf – Schmerz – Stress – Kulturen und Techniken von Biofeedback-Systemen 1960–1990: Material Culture Forschung in der Medizintechnischen Sammlung der OVGU“ (3ioS) an der Universität Magdeburg. Die dortige historische medizintechnische Sammlung umfasst zahlreiche Geräte aus der DDR-Medizin – darunter EKGs, EEGs, Defibrillatoren sowie Apparate zur Schmerz- und Biofeedback-Therapie.

Besondere Bedeutung im Projekt kommt dem Temporären Objektlabor zu, einem offenen Forschungs- und Arbeitsraum. Hier werden Objekte untersucht, repariert und teilweise funktionsfähig gemacht. Forschende, Studierende sowie Zeitzeuginnen und Zeitzeugen arbeiten gemeinsam an den Geräten und tauschen ihr Wissen aus.

Gerade diese kollaborative und praxisnahe Arbeit eröffnet neue Formen wissenschaftlichen Lernens. Studierende setzen sich nicht allein theoretisch mit Medizingeschichte auseinander, sondern erfahren unmittelbar, wie technische Apparate funktionierten und welche Vorstellungen, Wahrnehmungen und Deutungen von Körper, Gesundheit, Schmerz oder Stress mit ihnen verbunden waren. Ein historisches Biofeedback-Gerät etwa verweist nicht nur auf technische Entwicklungen, sondern auch auf gesellschaftliche Vorstellungen von Selbstkontrolle, Leistungsfähigkeit und Optimierung.

Zugleich macht die Arbeit im Objektlabor deutlich, dass wissenschaftliche Erkenntnisse häufig erst im praktischen Umgang mit Objekten, mit Materialität entstehen. Beim Zerlegen, Vergleichen oder Inbetriebnehmen der Geräte entwickeln sich neue Fragen und Hypothesen. Forschung erscheint nicht als abgeschlossener Wissensbestand, sondern als offener Prozess. Objektbasierte Lehre vermittelt Studierenden damit zentrale wissenschaftliche Kompetenzen: präzises Beobachten, analytisches Denken, interdisziplinäres Arbeiten und die Fähigkeit, eigenständig Forschungsfragen zu entwickeln.

Gerade in einer zunehmend digitalen Wissenskultur gewinnen diese materiellen und haptischen Begegnungen besondere Bedeutung, indem sie wissenschaftliches Lernen gleichermaßen sinnlich erfahrbar und intellektuell anregend machen.

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