Wie sich Lateinamerika in der neuen Welt(un)ordnung neu orientiert und was daraus folgt, darum drehten sich im Februar 2026 gleich zwei Veranstaltungen des Merian Centers CALAS. Mehr dazu erfahren Sie hier im Interview mit Professor Dr. Werner Mackenbach.
Flyer zum virtuellen CALAS-Forum „Perspectivas geopolíticas: América Latina en el nuevo (des) orden mundial“, 24.2.2026
Im Interview: Professor Dr. Werner Mackenbach, Koordinator des Regionalzentrums Centroamérica y el Caribe des Maria Sibylla Merian Center for Advanced Latin American Studies (CALAS).
Herr Professor Mackenbach, wie wirkt der aktuelle Zerfall der internationalen regelbasierten Ordnung auf die Region Lateinamerika?
Werner Mackenbach ist Professor an der Fakultät für Geschichte und am Graduiertenkolleg für Geschichte. Er ist Mitglied des Centro de Investigaciones Históricas de América Central (CIHAC) an der Universität von Costa Rica. Zudem koordiniert er das Regionalzentrum Centroamérica y el Caribe des Maria Sibylla Merian Center for Advanced Latin American Studies (CALAS) und das EU-Projekt Connected Worlds: The Caribbean, Origin of Modern World (ConnecCaribbean).
Universidat de Costa Rica
Lateinamerika war mehrere Jahrhunderte hindurch historisch politisch, wirtschaftlich und kulturell an Europa (insbesondere Spanien, Portugal und Frankreich) gebunden. Seit dem Ende des 19. und verstärkt seit Beginn des 20. Jahrhunderts wurden diese Beziehungen durch die Bindung an die USA ersetzt, die in vielfältige Abhängigkeiten mündete. Die unterschiedlichen Versuche, eine größere Unabhängigkeit Lateinamerikas zu erreichen, ohne seine Positionierung im politischen Westen aufzugeben, stehen heute vor neuen Herausforderungen.
Angesichts des Endes der Weltordnung, wie sie nach dem Fall des Eisernen Vorhangs entstanden war, eines fortschreitenden Prozesses der Entglobalisierung, der Krise des Multilateralismus, der Schwächung der supranationalen Organisationen, des Bemühens der BRICS-Staaten um eine führende Rolle und insbesondere der Rivalität zwischen den USA und China um internationale Vorherrschaft, ist Lateinamerika damit konfrontiert, sich in diesem aktuellen geopolitischen Panorama (neu) zu positionieren. Wie können die Länder des Subkontinents am Prozess der globalen Neuordnung teilhaben und das Risiko vermeiden, von der „Peripherie“ in die „Marginalität“ abzurutschen und zu einem „absoluten Süden“ zu werden? Wie kann Lateinamerika verhindern, zu einem Schauplatz des Wettstreits rivalisierender Großmächte degradiert zu werden? Wie kann es der Gefahr entgehen, von einer Abhängigkeit (von den USA) in eine neue (von China) zu geraten? Dies sind einige zentrale Fragen zur Positionierung Lateinamerikas in der neuen Welt(un)ordnung.
Welche geopolitischen Strategien lassen sich erkennen? Und wie verändern sich die Beziehungen zu Deutschland und Europa?
CALAS-Forum „Perspectivas geopolíticas: América Latina en el nuevo (des) orden mundial“; (auf Deutsch: CALAS-Forum „Geopolitische Perspektiven: Lateinamerika in der neuen globalen (Un-)Ordnung“ )
Werner Mackenbach, CALAS
Lateinamerika ist in vielfältiger Hinsicht – trotz der wiederholten Diskurse und Beschwörungen eines einigen großen Vaterlands („patria grande“) – ein zersplitterter Kontinent. Damit sich der Subkontinent als relevanter Akteur auf der Weltbühne etablieren kann, steht er vor der Frage, wie diese interne Fragmentierung überwunden werden kann. Welche Perspektiven bieten das Streben nach Gleichgewicht zwischen den USA und China in den internationalen Beziehungen Lateinamerikas und die Debatten und Projekte um Blockfreiheit? In politischen und akademischen Debatten in Lateinamerika wird immer wieder die Idee einer „aktiven Blockfreiheit“ oder „relativen Autonomie“ diskutiert – also der Versuch, sich nicht eindeutig an eine Großmacht zu binden. Unter den aktuellen Bedingungen ist das jedoch schwer umzusetzen. Stattdessen orientieren sich viele lateinamerikanische Staaten derzeit wieder stärker an den USA. Das geht oft mit einer engeren sicherheitspolitischen Zusammenarbeit einher und folgt der von der Trump-Administration betriebenen aggressiven hegemonialen Politik gegenüber Lateinamerika. Dahinter steht auch eine Neuinterpretation der zweihundert Jahre alten sogenannten Monroe-Doktrin, die traditionell die Vorherrschaft der USA auf dem amerikanischen Doppelkontinent beansprucht. Zweifellos wird hier die außenpolitische Orientierung von Staaten wie Brasilien und Mexiko eine bedeutende Rolle spielen, in geringerem Maße auch die anderer Staaten wie Kolumbien.
Welche Möglichkeiten eröffnen sich für die Zusammenarbeit mit Deutschland und Europa?
Simposio Internacional | Una región en movimiento: Movilidades humanas aceleradas y circulaciones múltiples en América Latina y el Caribe (Auf Deutsch: Internationales Symposium | Eine Region in Bewegung)
Werner Mackenbach, CALAS
Für Europa und Deutschland können sich wichtige Möglichkeiten einer vertieften Zusammenarbeit ergeben. Allerdings sollten sie sensibel für die Frage sein, welche Konsequenzen sich aus der Tatsache ergeben, dass die liberale Weltordnung ihre Versprechen, den lateinamerikanischen Gesellschaften zu mehr Wohlstand und Wohlergehen zu verhelfen, nicht eingehalten hat. Anstatt den Diskurs von den angeblich „gemeinsamen Werten“ Europas und Lateinamerikas (die selbst innerhalb der Länder auf beiden Seiten des Atlantiks umstritten sind) zu wiederholen, wie er vor allem von Seiten der EU-Außenpolitiker gepflegt wird, sollten sich Europa und Deutschland auf die Definition gemeinsamer Interessen mit Lateinamerika in der neuen Weltlage orientieren. Nur so wird zu verhindern sein, dass Abkommen zwischen beiden Regionen zur Neuauflage bzw. Bekräftigung abhängiger und hierarchischer Strukturen führen.
Was kann die Merian-Forschung auch zu Fragen der Migration und Mobilität beitragen, die mit diesen Entwicklungen zusammenhängen?
Die Forschung und der wissenschaftliche Austausch im Rahmen der Merian-Zentren leistet hier einen wichtigen Beitrag, insbesondere durch die Förderung des interamerikanischen und transatlantischen Dialogs, wie zum Beispiel beim CALAS-Forum zu Geopolitik im Februar, an dem ein in Brasilien exilierter venezolanischer Wissenschaftler (Direktor des Venezolanischen Observatoriums für Gewalt), der frühere Subdirektor der Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin, und zwei mexikanische Experten für internationale Beziehungen der Universität von Guadalajara teilnahmen. Eine Fortsetzung und Ausweitung dieses Austauschs mit Wissenschaftlern aus Asien und Afrika ist geplant. Die bei diesem Forum mitdiskutierte Problematik der „migratorischen Geopolitik“ war auch ein zentraler Aspekt des internationalen Symposiums zu Migration und Mobilität in Lateinamerika und der Karibik, das ebenfalls Ende Februar von CALAS an der Universität von Guadalajara durchgeführt wurde und an dem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Lateinamerika und Deutschland teilnahmen. Dieses Symposium eröffnete die wissenschaftliche Kooperation einer Gruppe von CALAS-geförderten Akademikerinnen und Akademikern (Fellows) aus Lateinamerika und Deutschland im CALAS-Forschungslaboratorium zu diesem Thema, die während des Jahres 2026 die Vielfalt und Komplexität der heutigen migratorischen und Mobilitätsbewegungen untersuchen. Die Vernetzung der in Lateinamerika, Afrika und Asien existierenden Merian-Zentren bietet hier hervorragende Bedingungen für einen internationalen Austausch und die Reflexion über alternative Formen der internationalen Beziehungen.
Besten Dank, Herr Professor Mackenbach, für Ihre spannenden Einblicke! (Das Interview erfolgte schriftlich am 17. März 2026)
Maria Sibylla Merian Center for Advanced Latin American Studies (CALAS)
CALAS ist eines der BMFTR-geförderten Merian-Zentren: Es hat seinen Hauptsitz in Guadalajara, México und unterhält zudem Regionalzentren in Argentinien, Costa Rica und Ecuador. An dem von vier deutschen und vier lateinamerikanischen Universitäten aufgebauten Maria Sibylla Merian Center arbeiten interdisziplinär zusammengesetzte Forscherteams, zu denen im Wechsel bis zu 25 internationale Fellows eingeladen werden. Diese erforschen dort gesellschaftliche Krisen in vier miteinander verbundenen Schwerpunkten: „Sozial-ökologische Transformation“, „Soziale Ungleichheiten“, „Gewalt und Konfliktlösung“ sowie „Identität und Region“. Im Mittelpunkt der Forschung steht, wie die Erfahrungen lokal, regional und global verflochtener Krisen und Veränderungsprozesse von verschiedenen Akteuren ausgelöst, wahrgenommen und reflektiert werden, aber auch welche Lösungsmöglichkeiten aus den jeweiligen Kontexten erwachsen.
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