Die achte Runde der Peer-Learning-Workshop-Reihe „GSW kommunizieren“ des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) drehte sich um das Thema „Hate Speech in der Wissenschaftskommunikation der Geistes- und Sozialwissenschaften“ Forschende aus den geförderten GSW-Projekten kamen virtuell zusammen, um sich im „geschützten“ Raum über das Thema auszutauschen, voneinander zu lernen und sich zu vernetzen – über die BMFTR-Förderlinien hinweg. Das zentrale Thema: Welche Erfahrungen haben Forschende aus den Projekten mit Hate Speech im Netz gemacht – und wie gestaltet man die Kommunikation widerstandsfähig.
Eines vorweg: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops haben bisher wenig eigene Erfahrungen Hate Speech im Netz gemacht, zum Glück. Und wenn es doch zu Anfeindungen kam, gab es größtenteils Rückhalt, etwa durch Institutionen, Hochschulen oder Beratungsstellen. Ein Problembewusstsein ist überall vorhanden. Wichtig ist aber, Informationen, Workshops, Weiterbildungen und Anlaufstellen zur Vorbeugung und zum Umgang mit digitaler Gewalt bekannter zu machen.
Hate Speech – digitale Gewalt
Hate Speech, auch Hassrede genannt, ist eine Form digitaler Gewalt, die gezielt die Würde einzelner Menschen angreift, weil sie bestimmten Gruppen angehören – sei es aufgrund ihrer Herkunft, Religion, sexuellen Orientierung oder anderer Merkmale. In sozialen Medien manifestiert sich Hate Speech häufig in verletzenden Kommentaren, beleidigenden Memes oder offenen Aufrufen zu Ausgrenzung und Gewalt. Für die Geistes- und Sozialwissenschaften ist dieses Phänomen besonders relevant: Forschende, die sich mit gesellschaftsrelevanten oder kontroversen Themen befassen, können selbst Ziel dieser Angriffe im Netz sein. Hass und Hetze wirken nicht nur intellektuell, sondern auch emotional – sie können einschüchtern, entmutigen oder psychisch belasten.
Kein Wunder, dass die Befürchtungen groß sind, Opfer von Online-Hetze zu werden. Auch die Sorge, dass sich Akteure langfristig zusammenschließen wurde geäußert, ebenso wie die, dass Desinformation und Fake News, durch Bots gesteuert, nicht mehr von wirklichen Fakten zu unterscheiden sind. Information in Form von Schulungen und Austausch helfen dabei, die Wissenschaftskommunikation resilienter gegen unsachliche Kritik, Hate Speech und weitere Formen von Wissenschaftsfeindlichkeit zu machen.
Von Profis für Profis
Von der Definition über die Verbreitung und Charakterisierung bishin zur Prävention – einen umfassenden Forschungsüberblick zum Thema „Hate Speech und Angriffe auf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler“ stellte Lisa Mertin, stellvertretende Projektleiterin der Transfer Unit Wissenschaftskommunikation / Wissenschaft im Dialog vor. Die Transfer Unit ist ein Gemeinschaftsprojekt von Wissenschaft im Dialog und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, gefördert vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt. Sie fördert den Dialog zwischen Praxis und Forschung im Bereich der Wissenschaftskommunikation.
Wertvolle Praxistipps und Einblicke in Formen und Ausmaß von Hate Speech gab Stefanie Golla-Dehmamy, Referentin Wissenschaftskommunikation und Öffentlichkeitsarbeit der Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft (AIWG). Einer der Tipps: die eigenen Forschungsthemen reflektieren, Inhalte, die kommuniziert werden, vorab auf „Schwachstellen“ prüfen und Plattform-/Medienmonitoring betreiben.
Um “Politisierung der Wissenschaft und Wissenschaftsfeindlichkeit” drehte sich der Vortrag von Dr. Kerstin Eppert, wissenschaftliche Leiterin der BMFTR-geförderten ConflictA- Konfliktakademie am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld. Ein Fazit: Politische Konjunkturen und gesellschaftliche Polarisierung erschweren die sachliche Debatte und letztlich auch die Auseinandersetzung mit allen Facetten der eigenen Erkenntnisse. Die Sorge um die mediale/öffentliche Verwertung verändert das wissenschaftliche Kommunikationsverhalten.
Erfahrungsaustausch und Vernetzung
Nach den Vorträgen ging der Erfahrungsaustausch in Kleingruppen weiter: Im Fokus standen Fragen wie: Welche Verantwortung tragen Universitäten, Institute oder auch Fördergeber, wenn Forschende Ziel von Online-Hetzkampagnen werden? Welche Unterstützungsangebote helfen Forschenden unmittelbar, wenn sie Ziel von Hate Speech werden? Und: Welche präventiven Maßnahmen können Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen selbst oder im Kollegenkreis ergreifen?
Ein Fazit: Hassrede im Netz ist eine Bedrohung für den öffentlichen und wissenschaftlichen Diskurs, für Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit. Institutioneller Rückhalt und ein starkes Netzwerk sind zentral, um Anfeindungen auszuhalten und zu begegnen. Mit guten Strategien – Sensibilisierung, Prävention, Dokumentation, Selbstschutz, Vernetzung, Gegenrede– können Geistes- und Sozialwissenschaftler und -wissenschaftlerinnen auch selbst aktiv zur Prävention und Entschärfung beitragen.
Praxistipps zur Vorbeugung und Umgang mit Hate Speech im Netz
- Erst planen, dann posten
- Eigene Forschungsthemen reflektieren, Inhalte, die kommuniziert werden, vorab auf „Schwachstellen“ prüfen
- Sich/ das Team zum Thema Hate Speech/ digitale Gewalt informieren und sensibilisieren
- Sich/ das Team mit Strategien von Akteuren auseinandersetzen, die Themen politisch instrumentalisieren
- Wissenschaftskommunikation strategisch planen: Inhalte, Kanäle und Community-Management bewusst gestalten, um sich besser gegen digitale Angriffe zu schützen.
- Überlegen, ob, wo und zu welchem Anlass Kommentare erwünscht sind
- Netiquette erstellen
- Klären, wer auf Social Media für wen spricht – Person vs. Institution
- Personelle und zeitliche Ressourcen klären
- Plattform-/Medienmonitoring betreiben
- Medienkompetenz stärken: Hate Speech in Seminaren, Workshops oder Vorträgen thematisieren und zivilgesellschaftliche Kompetenz fördern (siehe Präsentationen und Links).
- Hate Speech dokumentieren: Screenshots, Links, Zeitstempel sichern – für Meldungen, Beschwerden oder rechtliche Schritte.
- Selbstschutz priorisieren: Nicht auf jede Provokation reagieren, sich Hilfe holen, Pausen einlegen und Belastung ernst nehmen.
- Vernetzen: Mit Kolleginnen und Kollegen, Beratungsstellen oder Initiativen zusammenarbeiten, um Angriffe abzuwehren und nicht allein auszuhalten.
- Gegenrede üben: Ruhig, sachlich und klar auf Hass reagieren – das schützt die Debatte und stärkt Betroffene.
- Melden: Plattforminterne Meldefunktionen und Beratungsstellen nutzen, wenn Hass strafrechtlich relevant wird.
Noch etwas vergessen oder eine gute Idee? Über Anregungen freuen wir uns. Schicken Sie uns doch Ihre Ideen per E-Mail auf GSW@dlr.de. Vielen Dank!