Stadtgespräch in Marburg: Interview zur Vortragsreihe „Konflikte in Gegenwart und Zukunft“ zum Thema Frieden

Was ist Frieden? Wer setzt sich für ihn ein? Und wie kann er herbeigeführt werden? Mit der Vortragsreihe „Konflikte in Gegenwart und Zukunft“ zum Thema Frieden hat das Zentrum für Konfliktforschung Marburg in Kooperation mit TraCe im Sommersemester 2026 Forschung in die Öffentlichkeit gebracht.

Im Interview: Prof. Dr. Susanne Buckley-Zistel, Geschäftsführende Direktorin des Zentrums für Konfliktforschung und Direktoriumsmitglied sowie Principal Investigator im BMFTR-geförderten Forschungszentrum „Transformations of Political Violence“ (TraCe).

Von Ungleichheit über Gewalt und Rassismus bishin zu Kriegen – seit über 25 Jahren organisiert das Zentrum für Konfliktforschung der Philipps-Universität Marburg die Vortragsreihe „Konflikte in Gegenwart und Zukunft“ für die Marburger Öffentlichkeit. Im Sommersemester 2026 drehte sich alles um das Thema Frieden – angefangen von den vielfältigen Definitionen, gesellschaftlichen Bedarfen und konkreten Handlungsfeldern (siehe Rückblick). Die Reihe lud dazu ein, Frieden als komplexes und gestaltbares Konzept zu reflektieren – und ihn gerade vor dem Hintergrund von Krieg und Zerstörung wieder stärker in den Fokus wissenschaftlicher und öffentlicher Debatten zu rücken.

Viele Menschen fragen sich, wie im laufenden Kriegsgeschehen überhaupt über Frieden verhandelt werden kann. Welche Einblicke konnten die Forschenden bei der Vortragsreihe dazu geben, Frau Professorin Buckley-Zistel?

Prof. Dr. Susanne Buckley-Zistel

Prof. Dr. Susanne Buckley-Zistel, Geschäftsführende Direktorin des Zentrums für Konfliktforschung und Direktoriumsmitglied sowie Principal Investigator bei TraCe. Sie organisierte und moderierte die Vortragreihe „Konflikte in Gegenwart und Zukunft“ zum Thema Frieden.

privat

Die Vortragsreihe hat einen bewusst breiten Friedensbegriff zugrunde gelegt. Es ging also nicht nur um die Frage, wie internationale Gewaltkonflikte beendet werden können, sondern auch darum, was gesellschaftlichen Frieden ausmacht. Deshalb haben wir uns beispielsweise mit der Frage beschäftigt, wie Polarisierung in Deutschland – und generell in Gesellschaften – vermieden oder zumindest abgeschwächt werden kann und welche Rolle dabei Friedensjournalismus und Friedenserziehung spielen.

Immer wieder ging es dabei um die Bedeutung eines verantwortungsvollen Miteinanders und eines respektvollen und solidarischen Zusammenlebens. Das klingt zunächst vielleicht selbstverständlich, ist aber eine zentrale Voraussetzung für friedvolle Gesellschaften. Frieden beginnt eben nicht erst dort, wo kein Krieg mehr herrscht, sondern auch im alltäglichen Umgang miteinander.

Ein wichtiger Schwerpunkt lag natürlich auch auf internationalen Gewaltkonflikten. In einer Sitzung haben wir mit zwei Konfliktmediatoren über aktuelle Herausforderungen und die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen von Mediation gesprochen. Gerade in Konflikten wie dem Krieg in der Ukraine oder in Afghanistan wird deutlich, dass Mediation die Bereitschaft der Konfliktparteien voraussetzt, sich auf solche Verfahren einzulassen. Das bedeutet allerdings nicht, dass zwischen Konfliktparteien nicht ständig und fortwährend kommuniziert wird. Auch dort, wo eine umfassende politische Lösung derzeit kaum vorstellbar erscheint, gibt es immer wieder Gesprächskanäle und kleine, häufig sehr konkrete Erfolge – etwa bei der Rückführung von Kriegsgefangenen. Auch solche Schritte sind Teil von Friedensarbeit und sollten nicht unterschätzt werden.

Gab es auch Themen, die Sie aus Ihren Projekten eingebracht haben?

Wenn wir uns bei TraCe mit der Transformation politischer Gewalt beschäftigen, müssen wir auch danach fragen, wie sich unsere Vorstellungen von Frieden verändern. Sind herkömmliche Strategien unter den heutigen Bedingungen noch sinnvoll? Und wie kann Frieden angesichts neuer Formen politischer Gewalt und veränderter Konfliktlagen gefördert werden? Ein wiederkehrender Gedanke war dabei, dass wir trotz der gegenwärtig schwierigen Ausgangslage Frieden nicht als Praxis und als gesellschaftlichen Diskurs vernachlässigen dürfen. Neben sicherheitspolitischen Fragen müssen wir immer auch fragen: Wie wollen wir Frieden sichern und gestalten? Was bedeutet es, dass es nicht nur eine Form von Frieden gibt?

Welche Themen der Vortragsreihe wurden besonders intensiv diskutiert?

Ein zentrales Thema der Vortragsreihe war, dass Frieden kein statischer oder universell gleich verstandener Zustand ist. Vorstellungen davon, was Frieden bedeutet, verändern sich über die Zeit und unterscheiden sich auch zwischen verschiedenen Gesellschaften und Regionen. In einer Sitzung wurde beispielsweise eine Studie vorgestellt, die in sechs unterschiedlichen Gewaltkontexten vergleichend untersucht hat, welche Vorstellungen von Frieden die jeweiligen Bevölkerungen haben. Auch der Blick auf die Friedensbewegungen in Ost- und Westdeutschland und ihre Entwicklung bis in die Gegenwart hat gezeigt, dass sich die Themen, für die Menschen sich engagieren, über Generationen und geografische Räume hinweg verändern.

Ein weiteres Thema waren religiöse Friedensethiken. Welche Vorstellungen gibt es hier?

Religiöse Friedensethik wurde insbesondere am Beispiel des Islams diskutiert. Frieden wird hier als ein umfassendes gesellschaftliches Phänomen verstanden, das Menschen miteinander verbindet und einen Wert darstellt, den es zu bewahren und zu respektieren gilt. Besonders interessant fand ich an dieser Sitzung, dass die Referentin eine normative Perspektive eingenommen hat. Sie hat dazu eingeladen, nicht nur zu analysieren, wie die Welt gegenwärtig ist, sondern auch darüber nachzudenken, in welcher Welt wir eigentlich leben möchten. Gerade angesichts aktueller Krisen ist diese Fähigkeit zur Entwicklung von Zukunftsvisionen meines Erachtens besonders wichtig.

Und noch eine letzte Frage: Wie war die Resonanz? Was konnten Sie den Teilnehmenden mit auf den Weg geben?

Die Veranstaltung erfreute sich einer sehr regen Teilnahme, wir haben uns über das große Interesse sowohl aus der Marburger Stadtbevölkerung als auch von Seiten der Studierenden gefreut. Ich hoffe, dass bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern vor allem ein Gedanke hängen geblieben ist: Frieden ist kein feststehender Zustand und auch kein eindeutig definierter Begriff. Wir müssen immer wieder neu darüber nachdenken, welchen Frieden wir eigentlich wollen und wie wir ihn gestalten können. Gerade vor dem Hintergrund der intensiven aktuellen Debatten über Sicherheit und Verteidigung haben die Referentinnen und Referenten dafür plädiert, Frieden wieder stärker in unseren politischen Diskurs und in unsere Praxis aufzunehmen. Mehr über Frieden zu sprechen und Frieden als Zukunftsvision zu imaginieren, wird natürlich alleine keinen großen Gewaltkonflikt lösen. Aber vielleicht kann es im Kleinen und im Alltag dazu beitragen, dass wir uns friedvoller, respektvoller und solidarischer begegnen.

Besten Dank für die interessanten Einblicke, Frau Professorin Buckley-Zistel.

(Das Interview erfolgte schriftlich am 14. September 2026)

Hier geht’s zum Rückblick der Vortragsreihe im Sommersemester 2026 des Zentrums für Konfliktforschung mit allen Beiträgen

Hintergrund: BMFTR-Förderung der Friedens- und Konfliktforschung 

Mit der Förderung von zehn Verbundvorhaben aus dem Themenfeld der Friedens- und Konfliktforschung will das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) seit 2022 dazu beitragen, dass Politik und Gesellschaft internationalen Entwicklungen auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse angemessen begegnen können.

Die Verbünde der Förderlinie unterteilen sich in zwei unterschiedliche Förderformate: sieben Kompetenznetze und drei Regionale Zentren. Zudem fördert das BMFTR fünf Nachwuchsgruppen im Bereich der naturwissenschaftlich-technischen Friedens- und Konfliktforschung. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen in Zukunft Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger aus Politik, Staat und Zivilgesellschaft nachhaltig im Umgang mit aktuellen Herausforderungen im Bereich der Konfliktprävention und -beilegung und der Friedenssicherung unterstützen. Damit reagiert das BMFTR nicht nur auf aktuelle geopolitische Entwicklungen und verschärfte Konfliktlagen, sondern auch auf Empfehlungen des Wissenschaftsrates.

TraCe

Das Forschungszentrum „Transformation of Political Violence“ (TraCe) untersucht, ob und wie sich Formen von politischer Gewalt angesichts aktueller globaler Entwicklungen verändern. Ziel des hessischen Verbundes ist es, durch multiperspektivische Forschung Bedingungen für innergesellschaftlichen und internationalen Frieden zu identifizieren und Strategien zur Eindämmung politischer Gewalt zu entwickeln. Das regionale Zentrum TraCe wird seit 2022 vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) als eines der zehn Verbundvorhaben im Bereich der Friedens- und Konfliktforschung gefördert. Teil des hessischen Verbundes sind das Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung (PRIF), die Goethe-Universität Frankfurt, die Justus-Liebig-Universität Gießen, die Philipps-Universität Marburg und die Technische Universität Darmstadt.

Das Zentrum für Konfliktforschung 

Gegründet im Jahr 2001 bündelt das Zentrum für Konfliktforschung der Philipps-Universität Marburg verschiedene Lehr- und Forschungsaktivitäten, die sich auf zentrale gesellschaftliche und internationale Konfliktlagen konzentrieren. Die Forschungsprojekte beschäftigen sich unter anderem mit der Aufarbeitung schwerer Menschenrechtsverletzungen und Prozessen der Friedenskonsolidierung nach massiver Gewalt, mit Intergruppenkonflikten sowie mit der Politik des internationaler State- und Peacebuilding in Nachkriegsgesellschaften.
Aktuelle wissenschaftliche und politische Fragen werden zudem in der Vortragsreihe „Konflikte in Gegenwart und Zukunft“ behandelt, die zusammen mit der Universitätsstadt Marburg organisiert wird. Die Vortragsreihe richtet sich an die Marburger Öffentlichkeit, also an Bürgerinnen und Bürger, wie auch an Mitarbeitende der Universität und Studierende.