Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ)

Gesellschaftlicher Zusammenhalt gilt als Grundvoraussetzung für das Funktionieren unserer offenen, pluralistischen Demokratie.

Viele Menschen auf der Straße; © gettyimages/Classen Rafael / EyeEm

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Eine umfassende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Strukturen und Dynamiken und Wahrnehmungen von Zusammenhalt und Zugehörigkeit ist daher von essentieller Bedeutung für die Selbstverständigung demokratischer Gesellschaften. Sie liefert wichtige Beiträge zum wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs über aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen und kann Lösungswege bei der Suche nach Wegen zu ihrer Bewältigung aufzeigen.

Obwohl gesellschaftlicher Zusammenhalt in aller Munde ist und obwohl er als wichtige Ressource für die erfolgreiche Gestaltung unseres Zusammenlebens gilt, wirft er bei genauer Betrachtung viele Fragen auf: Was macht gesellschaftlichen Zusammenhalt eigentlich überhaupt aus, zumal in demokratischen Gesellschaften? Wodurch wird er gefährdet und wie kann er umgekehrt gestärkt werden? Welche Auswirkungen haben Polarisierung und Spaltung gesellschaftlich und politisch? Was führt dazu, dass Bevölkerungsgruppen sich teilweise nicht mehr als Teil des demokratischen Gesellschaft verstehen, sich an den Rand gedrängt fühlen oder das bestehende politische System nicht mehr unterstützen, und wie kann darauf reagiert werden? Um Antworten auf diese und weitere Fragen zu finden, die Erforschung des gesellschaftlichen Zusammenhalts zu stärken und die Debatte über den Zustand des Zusammenhalts auf eine breite wissenschaftliche und empirische Basis zu stellen, fördert das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) seit Herbst 2018 den Aufbau des dezentralen und multidisziplinären „FGZ - Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt“. Der Aufruf zur Gründung eines derartigen Instituts beruht auf einem Beschluss des Bundestags.

Am FGZ sind Forschende an 8 Hochschulen und 3 außeruniversitären Forschungseinrichtungen in 10 Bundesländern beteiligt. Dabei handelt es sich um die Universitäten Bremen, Frankfurt, Leipzig, Bielefeld, Konstanz, Hannover, Halle-Wittenberg, die Technische Universität Berlin sowie das Soziologische Forschungsinstitut Göttingen, das Hans-Bredow-Institut für Medienforschung Hamburg und das Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft Jena. Die Auswahl der Teilinstitute des FGZ erfolgte im Rahmen eines wettbewerblichen Verfahrens unter Beteiligung externer Expertinnen und Experten.

Die im FGZ vertretenen Disziplinen erstrecken sich über die gesamte Breite der Geistes- und Sozialwissenschaften von der Soziologie über Politik-, Wirtschafts- und Finanz- und Rechtswissenschaft, Psychologie, Ethnologie und Erziehungswissenschaft, Kultur-, Medien- und Kommunikationswissenschaft bis hin zu Geschichtswissenschaft und Kulturgeographie, Regionalplanung oder Landschaftsökologie.

Die Aufgaben und Zielstellungen des FGZ umfassen im Wesentlichen die folgenden Aspekte:

  • Grundlagenforschung zum gesellschaftlichen Zusammenhalt, insbesondere zur Bedeutung von Vielfachkrisen für gesellschaftlichen Zusammenhalt und zu den Kriterien eines demokratischen Zusammenhalts, kombiniert mit anwendungsnaher Forschung zu aktuellen Herausforderungen aus einer Vielfalt an disziplinären Perspektiven.

  • Identifizierung und interdisziplinäre Analyse der aktuellen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt relevanten gesellschaftlichen Trends und Entwicklungen sowie ihrer historischen Wurzeln.

  • Zusammenführung und Weiterentwicklung bereits vorhandenen Wissens, insbesondere zu problematischen Aspekten gesellschaftlichen Zusammenhalts.
    Untersuchung und Operationalisierung des Begriffs „Gesellschaftlicher Zusammenhalt“ mit dem Ziel der Entwicklung eines übergreifenden Konzepts sowie aussagekräftiger Indikatoren.

  • Wissenstransfer - von klassischer Politikberatung über öffentliche Formate, in denen Ergebnisse für unterschiedliche Zielgruppen aufbereitet werden sowie die Ko-Produktion von Wissen mit einem breiten Netzwerk an Praxispartnern.
    Austausch und Aufbau von Kooperationsbeziehungen mit der Zivilgesellschaft und der politisch-administrativen Praxis.

  • Maßnahmen der Politik- und Gesellschaftsberatung.

Die Forschenden des FGZ arbeiten interdisziplinär und standortübergreifend in vier Themenfeldern zu Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts: „Politik des demokratischen Zusammenhalts“, „Sozioökonomische Status- und Verteilungsordnungen“, „Infrastrukturen und öffentliche Güter“ sowie „Kulturelle Dynamiken des Zusammenhalts“.

Das Themenfeld A „Politik des demokratischen Zusammenhalts“ untersucht, ob und wie der Zustand des gesellschaftlichen Zusammenhalts politische Prozesse beeinflusst und vice versa. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, wie die Krise der Demokratie mit Veränderungen des Zusammenhalts zusammenhängt: Ist sie eine Folge eines schwindenden Zusammenhalts? Oder ist der Vertrauensverlust in die Demokratie die Ursache der Krise des Zusammenhalts? Ebenso werden Reaktionen auf Krisen erforscht. Beispiele für demokratischen Zusammenhalt sind Vertrauen in demokratische Institutionen, die Erfahrung von Partizipation oder demokratische Grundwerte wie Toleranz und Gleichheit.

Das Themenfeld B „Sozioökonomische Status- und Verteilungsordnungen“ erforscht, wie Ungleichheiten den Zusammenhalt gefährden. Gleichzeitig wird untersucht, wie bestimmte Formen des Zusammenhalts selbst Ungleichheiten verstärken oder rechtfertigen. Ein besonderer Fokus liegt auf den Bedingungen, die Zusammenhalt zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen ermöglichen. Ebenso werden Ausschlussprozesse und Verteilungskonflikte durch sozioökonomische, ökologische und kulturelle Transformationen oder Krisen analysiert. Besonders das Auseinanderdriften sozialer Gruppen in Bezug auf Ressourcen, Status, Werte und Netzwerke beeinflusst die Debatte über soziale Spaltungen. Diese Entwicklungen wirken sich auf den Zusammenhalt aus. Gleichzeitig fordern neue Gleichheitsansprüche etablierte Ungleichheitsstrukturen heraus, etwa in Bezug auf Geschlecht, Region oder ethnische Zugehörigkeit. Dadurch entstehen Spannungen zwischen Ungleichheiten und sozialem Zusammenhalt, die in diesem Themenfeld erforscht werden.

Die Forschenden in Themenfeld C „Infrastrukturen und öffentliche Güter“ gehen davon aus, dass Infrastrukturen und öffentliche Güter bindende Effekte für gesellschaftlichen Zusammenhalt erzeugen können und auch trennende Effekte haben und damit wesentliche Grundlagen gesellschaftlichen Zusammenhalts sind. Der Zustand öffentlicher Einrichtungen wie Krankenhäuser, Behörden, Theater, Bibliotheken und Verkehrssysteme prägt soziale Beziehungen und sagt zudem viel aus über gesellschaftliche Prioritäten. In diesem Themenfeld wird untersucht, ob und wie Infrastrukturen und öffentliche Güter genutzt werden, um demokratischen Zusammenhalt zu fördern.

Das Themenfeld D „Kulturelle Dynamiken des Zusammenhalts“ geht davon aus, dass Bedeutungen, Symbole und Narrative einen Rahmen für Weltverständnisse, Identitätskonstruktionen und Interaktionsregeln bereitstellen. Sie tragen so dazu bei, dass Individuen in Gruppen, Milieus und Gesellschaft zusammenhalten. Gemeinsame Wissensbestände, Identitäten und Werte sind umkämpft oder erodieren zunehmend. Themenfeld D untersucht, welche Bedeutung sie bei der Herstellung und Gefährdung gesellschaftlichen Zusammenhalts haben.