Wandel erforschen: Zwei neue Käte Hamburger Kollegs starten in 2026
Wie stellen sich Menschen eine bessere Zukunft vor? Welche Rolle spielen Heilsversprechen in Krisenzeiten? Und wie gelingt der Wandel in postfossile Lebenswelten? Zwei neue Käte Hamburger Kollegs widmen sich Fragen, die aktueller – und zukunftsweisender kaum sein könnten.
Geisteswissenschaftliche Spitzenforschung in Deutschland – dafür stehen die Käte Hamburger Kollegs. Sie widmen sich neuen, innovativen Fragestellungen, auch über Disziplinen und Weltregionen hinweg. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler forschen hier zusammen mit Fellows aus aller Welt frei zu selbst gewählten Themen. Und das mit einer Laufzeit von bis zu zwölf Jahren, gefördert vom BMFTR. Ziel ist, Innovationen in den Geistes- und Sozialwissenschaften anzustoßen, indem Themen von grundlegender gesellschaftlicher Bedeutung aus verschiedenen akademischen und kulturellen Perspektiven beforscht und neue Denkansätze entwickelt werden. Die geförderten Universitäten können so ihre Profilbildung und Internationalisierung voranbringen. Mit dem Start von zwei neuen Kollegs in Würzburg und Kassel unterstützt das BMFTR nun insgesamt acht renommierte Käte Hamburger Kollegs.
Würzburg: Messianismus neu gedacht
Seit April 2026 erforscht das „Käte Hamburger Kolleg für Studien zum Messianismus“ (CEMES) ein Phänomen, das sich durch die gesamte Menschheitsgeschichte zieht: die Hoffnung auf eine gerechtere Welt und die Erwartung, dass diese durch einen „Messias“ herbeigeführt wird. Messianische Vorstellungen finden sich in Religionen ebenso wie in politischen Bewegungen, sozialen Utopien oder historischen Narrativen.
„Gesellschaftliche Krisen, Kriege, wirtschaftliche Unsicherheit oder tiefgreifende Umbrüche gehen meist mit der Sehnsucht nach Orientierung und Erlösung einher. Ein Retter, Erlöser, ein Messias wird erwartet, gewünscht oder inszeniert. Genau hier setzen unsere Forschungen an“, sagt Prof. Dr. Barbara Schmitz, die zusammen mit Professor Dr. Christian Wehr das neue Käte Hamburger Kolleg an der Universität Würzburg leitet. „Messianische Diskurse greifen immer wieder dieselben Erzählungen und Bilder auf. Zugleich können sie sich den unterschiedlichsten historischen und kulturellen Situationen anpassen“, betont Wehr und führt aus: „Diese Rekurrenz ist ein wesentlicher Faktor ihrer ungebrochenen Wirkungsmacht. Sie bietet den Text- und Bildwissenschaften die große Chance, ihre analytischen Instrumente auch in Bereichen anzuwenden, die außerhalb ihrer ursprünglichen Domänen liegen: Politik, Gesellschaft und Religion. Für die geisteswissenschaftliche Theoriebildung versprechen wir uns davon einen maßgeblichen Legitimations- und Prestigegewinn.“
Zusammen mit Fellows aus aller Welt analysiert das Kolleg CEMES messianische Phänomene über Zeit-, Kultur- und Fächergrenzen hinweg. Im Mittelpunkt der Forschung stehen typische Muster, Erzählungen und Bildwelten, die mit Heilsvorstellungen verbunden sind. Dabei geht es sowohl um historische Beispiele als auch um aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen. „Uns ist es ein Anliegen, gerade die Funktionalisierung von messianischen Narrativen transhistorisch und transkulturell zu untersuchen und vergleichen zu können – nicht zuletzt auch, um die gegenwärtigen politischen Inanspruchnahmen von messianischen Narrativen in ihren Nuancierungen differenzierter zu verstehen“, so Schmitz.
„Messianismus geht mit Potenzialen und Risken einher: Ein Messias kann für eine gerechtere Gesellschaft, Frieden und gute Lebensbedingen sorgen, aber auch das Gegenteil bewirken. So geht es messianischen Bewegungen tendenziell um den Bruch mit der bestehenden Ordnung. Messianismus kann in Gewalt und Massenvernichtung umschlagen, also in das Gegenteil der Utopie, die er einmal versprochen hat“, erläutert Wehr. Das Kolleg will die Ambivalenz solcher Dynamiken erforschen und in die Gesellschaft hineinwirken, um substanzielle Beiträge zur Demokratieförderung zu leisten.
Während sich das Messianismus-Kolleg mit der Ambivalenz von Zukunftsversprechen beschäftigt, befasst sich das Kasseler Kolleg Rohstoffwelten seit August 2026 mit der Frage, wie in verschiedenen Regionen der Welt der Übergang in eine postfossile Zukunft gelingen kann.
„Wir stehen am Beginn eines epochalen Wandels – den wir in all seinen Dimensionen noch gar nicht erfasst haben. Am Anfang steht die Energiewende. Durch sie wird festgelegt, welche Rohstoffe wir künftig nutzen, welche Techniken, Wirtschaftsformen, politische Ordnungen, Weltpolitik und neue Lebensformen sich durchsetzen. Dieser Prozess ist widersprüchlich, schürt Zukunftsangst genauso wie Ablehnungskulturen und Demokratiefrust. Aber er fördert gleichzeitig Innovationen und frische Ideen und schafft Chancen für eine nachhaltige Zukunft,“ sagt Prof. Dr. Hans-Jürgen Burchardt.
Wie Gesellschaften Rohstoffe nutzen, ist eng mit ihren kulturellen Vorstellungen und sozialen Praktiken verbunden. Kunst und Kultur machen sichtbar, wie weit solche Verflechtungen reichen: „Mit kulturellen Praktiken und in der Kunst reagieren Gesellschaften auf Beharrung, Veränderungen und Herausforderungen. Kunst und Kultur waren und sind Komplizen des fossilen Energieverbrauchs, aber sie lassen auch Möglichkeitsräume entstehen, aus denen Neues und Zukunft wachsen können“, betont Prof. Dr. Mi You, Professorin für Kunst und Ökonomien. Künstlerische Forschung und Ausstellungen versteht das Kolleg deshalb nicht nur als Vermittlung, sondern als Teil des Forschungsprozesses und der Wissensproduktion.
Im ersten Jahr wird unter dem Thema „Carbon Culture“ untersucht, wie Kohle, Öl und Gas unsere Wirtschaft, unseren Alltag und unsere Vorstellungen von Fortschritt geprägt haben – und was davon im Übergang zu einer postfossilen Welt bestehen bleibt. Das Kolleg will ausleuchten, wie Rohstoffwelten entstehen und wie sie sich verändern. So werden neue Perspektiven für den tiefgreifenden Umbau von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft erarbeitet, mit denen die Energiewende gelingen kann.
Über die Entwicklungen an den acht Käte Hamburger Kollegs werden wir auf dem GSW-Portal berichten.
Käte Hamburger Kolleg für Studien zum Messianismus (CEMES)
Konzepte einer gerechteren Gesellschaft und die Erwartungen ihrer Erfüllung durch messianische Figuren blicken auf eine lange Tradition zurück und prägen gesellschaftliche und politische, kulturelle und religiöse Dynamiken bis heute. Das Käte Hamburger Kolleg für Studien zum Messianismus (CEMES) an der Universität Würzburg analysiert in einem internationalen, interdisziplinären und epochenübergreifenden Kontext typologische Muster, Erzählungen und Bilder messianischer Phänomene. Es erforscht die Potenziale und Chancen ebenso wie die Risiken und Gefahren messianischer Dynamiken. Damit kann das Kolleg forschungsbasiert und systematisch in die Gesellschaft hineinwirken, um substanzielle Beiträge zur Demokratieförderung zu leisten.
Käte Hamburger Kolleg „Rohstoffwelten – Kulturen im Umbruch“
Das Käte Hamburger Kolleg Rohstoffwelten – Kulturen im Umbruch an der Universität Kassel nimmt den Übergang in ein postfossiles Rohstoffzeitalter erstmals als Ganzes und aus globaler Perspektive in den Blick. Es untersucht, wie die Gewinnung, Nutzung und Verteilung von Rohstoffen mit kulturellen Vorstellungen, politischen und wirtschaftlichen Ordnungen sowie alltäglichen Praktiken verflochten sind. Dafür arbeiten mehrere Forschungsbereiche interdisziplinär zusammen: Rohstoff-Kulturen richtet den Blick auf Bilder, Erzählungen und Bedeutungen, Rohstoff-Regime auf Regeln und Politik, Rohstoff-Praktiken auf den sozialen Umgang mit Rohstoffen. Über einen Methodenbereich werden diese Schwerpunkte systematisch und kontinuierlich in einen Dialog gesetzt. Der notwenige Wandel wird nicht allein durch neue Rohstoffe und Technologien gelingen, er muss auch kulturelle Vorstellungen, Institutionen und Alltagspraktiken berücksichtigen sowie Ängste vor Veränderungen ernst nehmen. Mit dem neuen Käte Hamburger Kolleg möchte sich die Universität Kassel zu einem internationalen Zentrum für die gesellschaftliche und kulturelle Erforschung des Rohstoffwandels entwickeln.
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