Ostseeraumforschung geht weiter: IFZO-Forschung zum Thema Resilienz

Geopolitische Spannungen, Klimawandel, Energiewende und gesellschaftliche Umbrüche verändern den Ostseeraum. Wie Gesellschaften in der Region darauf reagieren und welche Faktoren die Resilienz stärken, untersucht das Interdisziplinäre Forschungszentrum Ostseeraum (IFZO) der Universität Greifswald, gefördert vom BMFTR.

Portraitfoto Dr. Alexander Drost

Dr. Alexander Drost, Wissenschaftlicher Geschäftsführer IFZO

Martin Kerntopf (im Auftrag von IFZO)

Seit 2019 erforscht das Interdisziplinäre Forschungszentrum Ostseeraum (IFZO) die Geschichte, Gegenwart und zukünftigen Herausforderungen des Ostseeraums. Die Region ist als geographische und politische Einheit durch eine Vielfalt an Kulturen und ein einzigartiges Ökosystem geprägt und von großer geopolitischer Bedeutung.

Wie kann der Ostseeraum widerstandsfähiger gegenüber Krisen und globalen Veränderungen werden? Mit dieser Frage beschäftigt sich ein neues Forschungsprojekt der Universität Greifswald: Das Verbundprojekt „Resilienter Ostseeraum. Interdisziplinäre Perspektiven auf Politik, gesellschaftliche Strukturen und kulturelle Identitäten“ läuft von Juni 2026 bis Mai 2030, gefördert vom BMFTR mit rund 3,6 Millionen Euro. Damit setzt das BMFTR die Förderung der Ostseeraumforschung in Greifswald fort.

Resilienz als Schlüssel für den Wandel

„Resilienz ist eine gesellschaftlich zu entwickelnde Fähigkeit, um in Krisen und bei Umbrüchen sowohl mit Veränderung umzugehen als auch Stabilität zu erhalten“, betont Alexander Drost, Wissenschaftlicher Geschäftsführer IFZO und erläutert: „Deshalb untersuchen wir Phänomene und Prozesse, die zur Herausbildung resilienter Gesellschaften im Ostseeraum beigetragen haben und künftig beitragen können. Im Fokus stehen unter anderem die Widerstandsfähigkeit von Gesundheitssystemen, Digitalisierung in ländlichen Räumen sowie Fragen des Zivilschutzes und kultureller Gemeinsamkeiten“.

Das neue Resilienz-Projekt knüpft an den IFZO-Forschungsverbund „Fragmentierte Transformationen. Wahrnehmungen, Konstruktionen, Verfasstheiten einer Region im Wandel“ (FragTrans) an. Von 2021 bis 2026 untersuchten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, wie sich der Ostseeraum seit dem Ende des Kalten Krieges verändert hat. Themen waren unter anderem Sicherheit, Klimawandel, Energiewende, Umweltbelastungen der Ostsee und der Erhalt des kulturellen Erbes. Das Projekt wurde mit 9,2 Millionen Euro vom BMFTR gefördert. Beteiligt waren unter anderem die Politik-, Wirtschafts-, Geschichts-, Musik- und Kommunikationswissenschaft, Kunstgeschichte, Skandinavistik und Fennistik sowie die Geografie.

IFZO-Forschung für einen resilienten Ostseeraum

Algenblüte in der Ostsee 2026 rund um Gotland, Schweden

Die Algenblüte – ein Symbol für die vielfältigen Probleme und Herausforderungen des Ostseeraums: Zu sehen ist die Algenblüte in der Ostsee 2026 rund um Gotland, Schweden. 

Vu Dong Pham, Universität Greifswald (zeigt veränderte Copernicus Sentinel Daten 2026)

Das IFZO-Team analysiert nun, wie sich Gesellschaften im Umgang mit Klimawandel und gesellschaftlichen Transformationen verändern, und welche Bedingungen resiliente Entwicklungen begünstigen. So geht es etwa darum, zu verstehen, was Vertrauen in demokratische Institutionen stärkt und gegen Populismus und Falschinformationen wirkt. Dazu befragt das Projekt jährlich die Bevölkerung mehrerer Ostseestaaten. Politik erfährt frühzeitig, wo Erklärungsbedarf besteht. Mittels der Untersuchung von Broschüren und Bereitschaftsübungen fragt das Projekt, wie Vorsorgekulturen u. a. in Schweden und Finnland historisch gewachsen sind. Bürgerinnen und Bürger erhalten hierdurch praktische Einsichten zur Vorsorge, die Politik Vorbilder zur Vermittlung von Zivilschutz. Die Wiedervernässung von Mooren schützt vor Dürren und Hochwasser, stößt aber oft auf Widerstand. Es wird untersucht, wo Renaturierung gelingt und wie Beteiligung Vertrauen schaffen kann. Landwirte, Anwohner und Behörden profitieren gleichermaßen von Erkenntnissen zur Umsetzung von Klimaschutzkonzepten. Die Forschung fragt zudem, wie Energie-, Digital- und Gesundheitssysteme robuster werden, und liefert Kommunen sowie Ministerien Grundlagen für Investitionsentscheidungen, während Haushalte von zuverlässigerer Versorgung profitieren.

IFZO-Geoportal, Ostseemonitor und Sinnesmeer

„Aufbauend auf unseren bisherigen Erkenntnissen wollen wir dauerhafte Forschungs- und Transferstrukturen aufbauen, die Wissenschaft, Politik und Gesellschaft miteinander vernetzen“, so Drost. „Mit unserem ‚Ostseemonitor‘ wollen wir wissenschaftlich fundierte Informationen zum Ostseeraum bereitstellen, die langfristig den Aufbau resilienter, demokratischer, nachhaltiger und schützender Strukturen begleiten. Über Expertenkreise hinaus wird er ebenso zur Sichtbarkeit von Best-Practice-Modellen beitragen wie von gesamtregionalen Lösungsansätzen, die bislang hinter nationalen Perspektiven verborgen blieben. Damit verleihen wir einem wichtigen Charakteristikum der Region – der Verbindung von Zusammenarbeit und kultureller Vielfalt – besonderen Ausdruck“, so Drost weiter. Auch das bestehende IFZO-Geoportal wird kontinuierlich um neue Erkenntnisse zur Entwicklung des Ostseeraums ergänzt. Das Geoportal macht langfristige Veränderungen der Landnutzung sichtbar und trägt dazu bei, ökologische Entwicklungen besser zu verstehen.

Kulturerbe stärkt Resilienz

2026 ist ebenfalls die digitale Plattform „Sinnesmeer“ entstanden, ein Portal, das den Ostseeraum mit allen Sinnen erleben lässt, und Bürgerinnen und Bürger dazu einlädt, ihre Erfahrungen zu teilen. „Die Idee dahinter ist, den Blick auf unsere vielfältigen kulturellen Stärken zu richten, all die kulturellen Muster, die über Jahrhunderte weitergetragen wurden, wieder ins Bewusstsein zu rücken,“ so Drost, „Unser reiches Kulturerbe stärkt unsere Resilienz! Deshalb werden wir unsere digitalen Plattformen weiterentwickeln, Vermittlungsformate ausprobieren und unsere Erkenntnisse in neuen Formen langfristig zugänglich machen.“

Das Interdisziplinäre Forschungszentrum Ostseeraum“ (IFZO)

Das BMFTR-geförderte Interdisziplinäre Forschungszentrum Ostseeraum (IFZO) ist eine zentrale Einrichtung an der Universität Greifswald. Das IFZO bündelt an der Universität alle Forschungsaktivitäten zum Ostseeraum und bietet Unterstützungs-, Forschungs- und Transferstrukturen für innovative Forschungsfragen und kollaborative Projekte aller Fachbereiche. Kern des Zentrums ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern verschiedener Fachbereiche der Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften sowie der Theologie und Medizin. Das IFZO arbeitet mit Forschungspartnern in Deutschland sowie in den Staaten des Ostseeraums zusammen. Das Vorhaben fügt sich in die umfangreiche Förderung der Regionalstudien durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) ein.

Regionalstudien

Mit der Förderrichtlinie (Bundesanzeiger vom 24.09.2019) fördert das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) die theoretische, methodische und empirische Weiterentwicklung der area studies. Regionalstudien spielen auch in den Fördermaßnahmen Käte Hamburger Kollegs und Merian Centres eine Rolle. Überdies sind sie in den Kleinen Fächern vertreten, die das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) ebenfalls fördert.

Forschungsschwerpunkt Ostseeraum an der Universität Greifswald 

Der Ostseeraum ist ein profilgebender Forschungsschwerpunkt an der Universität Greifswald. In interdisziplinären Projekten werden kulturelle, soziale, politische und wirtschaftliche Interaktionen und Austauschprozesse sowie deren Auswirkungen auf den Kultur- und Naturraum Ostsee erforscht. In den Forschungsbereichen „Klima & Meer”, „Politik & Sicherheit”, „Demokratie & Gesellschaft” sowie „Kultur & Erbe” werden zentrale Gegenwarts- und Zukunftsfragen einer hochvernetzten Region mit globaler Vorreiterrolle untersucht. Mit seiner Perspektive auf den gesamten Ostseeraum ist das Interdisziplinäres Forschungszentrum Ostseeraum einzigartig in Deutschland und der Region. Die Forschungsmethoden und erzielten Ergebnisse fließen zudem in zahlreiche Studiengänge der Universität ein. (Quelle und weitere Informationen Uni Greifswald)