Vom Mittelalter in die Zukunft: „ALMA“ erforscht Wissensnetzwerke
Wie gelangt Expertenwissen in die Gesellschaft? Diese Frage stellte sich schon im Mittelalter. Das Akademienprojekt „ALMA – Wissensnetze in der mittelalterlichen Romania“ untersucht den Wandel vom Latein zu den romanischen Volkssprachen und zeigt, wie sich Wissensnetzwerke über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg entwickelten.
Mittelalterliche Europakarte nach Auftrag der Ritter der Gastgeber. Foto aus alter Reproduktion
bearbeitet durch Sabine Tittel, Ursprung: Shutterstock/Vladislav Gurfinkel, ID 33036667
Prof. Dr. Maria Selig
Isabella Guber
Wer sich heute mit Wissenschaftskommunikation und -transfer befasst, denkt meist an Podcasts, Social Media und Erklärvideos oder auch an die Zusammenarbeit mit Praxispartnern. Das ist zwar modern, aber die zentrale Herausforderung hat sich über die Jahrhunderte gar nicht verändert: Wie gelangt Wissen in die Gesellschaft? Und umgekehrt, von der Praxis in die Wissenschaft?
Genau dieser Frage widmet sich seit August 2022 das Akademieprojekt ALMA, allerdings mit Blick auf das Mittelalter. Das ALMA-Forschungsteam untersucht die Wechselwirkung zwischen Sprache und Wissen(schaft) im romanischen Kulturraum zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert. Sprachen wie Französisch, Okzitanisch und Italienisch wurden in dieser Zeit neben dem Latein zu fachlich komplexen Wissenssprachen ausgebaut. Wie das geschah und welche Wissensnetze sich gebildet haben, macht ALMA in den kommenden Jahren nachvollziehbar und sichtbar. Das interakademische Projekt mit einer Laufzeit von 22 Jahren wird von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz (AdWL | Mainz), der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (BAdW) und der Heidelberger Akademie der Wissenschaften (HAdW) getragen und an drei Arbeitsstellen durchgeführt.
British Library, MS Egerton 2020, f.161v , Illustrated Herbal (The ‘Carrara Herbal’), Public domain other than the UK
Bis weit ins Hochmittelalter war Latein die Sprache der Gelehrten. Der Zugang zu Wissen blieb damit auf einen kleinen Kreis beschränkt. Doch mit dem Wachstum der Städte, der Entstehung neuer Bildungsinstitutionen und der zunehmenden Verschriftlichung des Alltags veränderte sich alles, vor allem, was den Zugang und die Verbreitung von Wissen betraf. Die Volkssprachen gewannen als Träger von Wissen eine immer größere Bedeutung. Doch wie genau hat sich dieser Wandel vollzogen? Wie und durch wen wurde Wissen vermittelt und weitergegeben?
„Man könnte meinen, dass die lateinisch geprägte, universitäre Expertenkultur komplexe wissenschaftliche Texte hervorbringt und verbreitet – und die volkssprachlichen Texte einfach, praxisnah und von geringerer Komplexität sind. Das ist jedoch ein Vorurteil, das wir schon jetzt klar widerlegen können“, betont Prof. Dr. Maria Selig, ALMA-Forschungsstellenleiterin der BAdW und Professorin für Romanistik an der Universität Regensburg. „Theoretisches und praktisches Wissen haben sich wechselseitig beeinflusst: Theoretisches Wissen wurde in die volkssprachlichen Texte aufgenommen, weiterentwickelt und an die jeweiligen lokalen Bedingungen angepasst. Dieses Wissen aus der Praxis floss wieder in die Theorie zurück. Wir erforschen diese Dynamik des Sprach- und Wissenswandels anhand von mittelalterlichen Handschriften bzw. Texteditionen und machen die Wissenstexte systematisch digital zugänglich.“
Wissensdomänen: Medizin und Recht
Altfranzösische Übersetzung des altokzitanischen Codi, Li Codes an romanz, Handschrift Bibliothèque nationale de France, Français 1070 [ca. 1270], Folio 15ro.
Paris BnF fr. 1070, fol. 15r, public domain
Im Fokus stehen mittelalterliche Texte aus den Bereichen Medizin und Recht – zwei Wissensfelder, in denen die sprachlichen Umbrüche über Jahrhunderte deutlich sichtbar werden. Die Arbeitsstellen in Heidelberg, Regensburg und Saarbrücken erschließen diese Lehrtexte, Handbücher, Rezeptsammlungen oder Rechtstexte, erstellen digitale Editionen von bisher unbeachteten Handschriften und bauen mehrsprachige, digitale Korpora auf. „Auf dieser Grundlage können wir rekonstruieren, welche Begriffe in den jeweiligen Sprachen verwendet wurden, wie sich Fachvokabular herausbildete und welche Veränderungen im Wissensgebrauch, Wissensaustausch und Wissenserwerb erkennbar werden“, beschreibt Selig.
Digitale Forschungsumgebung und Tools
Eine Besonderheit des Projekts ist die Verbindung klassischer geisteswissenschaftlicher Forschung mit modernen digitalen Methoden. Die Erkenntnisse aus den historischen Quellen werden in digitale Wissensmodelle überführt, die die Denk- und Erklärungsweisen des Mittelalters abbilden. Darüber hinaus verknüpft ALMA historische Wörterbücher, Handschriften und Forschungsergebnisse zu einer gemeinsamen digitalen Forschungsumgebung. Die frei zugänglichen Daten und Werkzeuge stehen künftig nicht nur der Romanistik zur Verfügung, sondern können auch in der Geschichts-, Kultur- und Sprachwissenschaft genutzt werden. Und noch eine Besonderheit: „Wir verbinden linguistische Forschung mit digitalen Textanalysen, für die wir eigene KI-Tools entwickeln, trainieren und einsetzen. So lassen sich Zusammenhänge erkennen, die bisher gar nicht oder nur punktuell sichtbar waren“, betont Selig. Aber auch das ist längst nicht alles.
Experten-KI in Entwicklung
Das ALMA Team: Von links nach rechts: Alessandro Nannini, Saarbrücken; Matthias Schöffel, Regensburg; Giulia Barison, Saarbrücken; Yasmine Posillipo, Saarbrücken; Maria Selig, Regensburg; Federico Novello, Heidelberg; Sara Aakrout, Heidelberg; Sabine Tittel, Heidelberg; als Gast: Frankwalt Möhren, Heidelberg; nicht auf dem Bild: Ragini Menon, Heidelberg; Gergely Pethö, Regensburg; Elton Prifti, Saarbrücken; Wolfgang Schweickard, Saarbrücken.
Heidelberger Akademie der Wissenschaften
„Wir konzentrieren uns auf Terminologien. Das Wichtige an Wörtern ist, dass sie wandern. Die Wörter werden sowohl lateinisch als auch volkssprachlich, in verschiedenen Gebieten, zu verschiedenen Zeiten usw. benutzt. Auf unserer umfassenden, Sprach- und Kulturraum übergreifenden Basis können wir sehr viel präziser Entwicklungen, Brüche oder Innovationen feststellen, als es beispielsweise ein Historiker könnte, der sich auf einen Aspekt der Rechtskultur im mittelalterlichen Venedig fokussiert“, erläutert Selig und blickt in die Zukunft: „Die KI-Tools, die wir entwickeln und trainieren, können darüber hinaus auch für weitere Kleinsprachen bzw. weniger gut belegte Sprachen verwendet werden. Und wir können Goldstandards schaffen, mit denen diese Tools wiederum trainiert werden können. Das bedeutet: Wir ermöglichen anderen Forschenden, nicht nur kleinteilige, genaue Forschung zu machen, sondern mehrere Forschungsfragen miteinander zu verbinden – und ein größeres Ganzes zu entwickeln!“
ALMA auf dem Akademientag 2026
Wie das ganz praktisch funktioniert, kann man auf dem Akademientag unter dem Motto „Von Moin bis Meme. Sprache macht Gesellschaft” am 8. September 2026 in Göttingen erleben, zu dem die deutschen Wissenschaftsakademien einladen. ALMA gibt dort im Forschungsparcours Einblicke in seine Forschungen und zeigt, was der Einsatz der eigens entwickelten KI-Tools leisten kann. Bald geht auch die neue Website des ALMA-Projekts online. Auch hier kommt KI zum Zug: Ganz im Sinne des Wissenstransfers steht die Experten-KI für die breite Öffentlichkeit bereit: Wer auch immer Fragen zu Medizin und Recht im Mittelalter hat, bekommt hier eine fundierte Antwort der ALMA-KI.
Stadtrechte von Libourne, Cartulaire municipale de Libourne, fol. 20vo und fol. 21ro, Archives municipales, Libourne, exposition 2022
Cartulaire municipale de Libourne, fol. 20v und fol. 21r
Handschriftentranskription mit eSriptorium, La grande chirurgie, Gui de Chauliac, escriptorium.inria.fr (aufgerufen am 03.08.2026)
Handschrift Bibliothèque Universitaire Historique de Médecine – Université de Montpellier, H 184 [2. Dr. 15. Jh.], fol. 10vo, SCDI Montpellier – Service photographique
Handschriftentranskription mit eSriptorium, La grande chirurgie, Gui de Chauliac, escriptorium.inria.fr (aufgerufen am 03.08.2026)
Handschrift Bibliothèque Universitaire Historique de Médecine – Université de Montpellier, H 184 [2. Dr. 15. Jh.], fol. 10vo, SCDI Montpellier – Service photographique
British Library, MS Egerton 2020, f.94r, Illustrated Herbal (The ‘Carrara Herbal’), Public domain other than the UK
Illustration einer Melonenpflanze, Serapione, altitalienisches Herbarium (1390-1404), British Library, MS Egerton 2020, f.163r via Wikimedia Commons (Public Domain) Carrara_Herbal21.jpg (999×1500) (aufgerufen am 03.08.2026), Illustrated Herbal (The ‘Carrara Herbal’)
Public domain
text
ALMA: Digitale Zugänge zu Sprache und Wissensnetzwerken im Mittelalter
Das Projekt startete im August 2022 mit einer Gesamtlaufzeit von 22 Jahren. Das ALMA-Projekt untersucht nicht nur die Entwicklung romanischer Sprachen wie Französisch, Okzitanisch und Italienisch zu Wissenschaftssprachen (1100–1500), sondern auch die Entstehung und Struktur mittelalterlicher Wissensnetzwerke.
Im Fokus stehen medizinische und juristische Texte, erschlossen in zwei digitalen Mehrsprachenkorpora. Das Projekt verbindet Philologie, Linguistik und Digital Humanities. Ein innovativer Schwerpunkt liegt auf der Erstellung historisierter Ontologien.
Publikationen
Prifti, Elton, Wolfgang Schweickard, Maria Selig und Sabine Tittel, "Sprachdatenbasierte Modellierung von Wissensnetzen in der mittelalterlichen Romania (ALMA): Projektskizze", Zeitschrift für romanische Philologie 2023, 139,2, 301-322; DOI: https://doi.org/10.1515/zrp-2023-0012.
Tittel, Sabine, "Ceci n’est pas un dictionnaire. Adding and Extending Lexicographical Data of Medieval Romance Languages to and through a Multilingual Lexico-Ontological Project", in: Marek Medved’, Michal Měchura, Carole Tiberius, Iztok Kosem, Jelena Kallas, Miloš Jakubíček (eds.), Electronic lexicography in the 21st century (eLex 2023): Invisible Lexicography. Proceedings of the eLex 2023 conference. Brno, 27–29 June 2023, Brno: Lexical Computing CZ s.r.o., 2023, 39-52.
Tittel, Sabine, "Historisierte Ontologien für Linguistic-Linked-Open-Data-Ressourcen des Mittelalters", in: Luise Borek, Karoline Döring, Nora Ketschik, Katharina Zeppezauer-Wachauer (eds.), Das Mittelalter, Themenheft 'Schnittstelle Mediävistik. Kollaborationen der Mittelalterforschung im digitalen Zeitalter', Band 30, Heft 1, Heidelberg: Heidelberg University Publishing, 2025, 18-37.
Tittel, Sabine, "Die Editionen medizinischer und rechtssprachlicher Texte des Alt- und Mittelfranzösischen im Rahmen des Projekts ALMA", in: Isabel Langkabel, Ludger Lieb, Maximiliane Nietzschmann und Lena Sowada (eds.), Editionswissenschaft – Textkritik – Digital Humanities. 25 Heidelberger Editionsprojekte, Heidelberg, Heidelberg University Publishing 2026 (KEMTE 7), 65-69, https://doi.org/10.17885/heiup.1634.c23586.
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