Mit KI ins Alte Ägypten und in die Zukunft der Papyrologie

Einst Verpackung für Mumien, heute Schatz für die Forschung: Rund 20.000 Papyrusfragmente blieben in Mumienkartonagen von Tebtynis erhalten, über zwei Jahrtausende lang. Ein neues Akademieprojekt setzt sie mit KI wieder zusammen – mit Blick auf die Alltagsgeschichte des hellenischen Ägyptens.

Krokodilmumie

Krokodilmumie, Teil der ägyptischen Sammlung im Phoebe A. Hearst Museum of Anthropology

UC Berkeley Library

Recycling gab es bereits im Alten Ägypten: Vor gut 2000 Jahren nutzten die Menschen am Nil beschriebene Papyrusblätter, um die Körper Verstorbener zu schützen – zerschnitten und verklebt dienten sie als feste Hülle für die Mumien. Doch nicht nur Menschen wurden von Papyri umhüllt, auch Krokodile. Die altägyptische Stadt Tebtynis, das heutige Tell Umm el-Baragat, war einst ein bedeutendes Kultzentrum des Krokodilgottes Sobek, der für Stärke und Fruchtbarkeit stand. Zu dieser Zeit galten Krokodile als heilige Tiere und wurden mumifiziert als Opfergaben dargebracht. Entdeckt wurden die Krokodil- und Menschenmumien bei Ausgrabungen im Winter 1899/1900. Beim Herauslösen der Mumien zerfielen die Kartonagen – und abertausende beschriftete Papyrusfragmente kamen ans Licht.

Sensationelle Entdeckungen aus Tebtynis

Amnestiegesetz aus dem Jahr 118 v.Chr.

Amnestiegesetz aus dem Jahr 118 v.Chr.

Center for the Tebtunis Payri, UC Berkeley

Rund 1.050 Papyri aus dieser einzigartigen Fundstelle konnten bislang ganz oder teilweise erschlossen und publiziert werden. „Es handelt sich um historische Quellen ersten Ranges. Sie stammen aus der Zeit zwischen dem 3. bis 1. Jahrhundert v. Chr., aus einem einzigen Ausgrabungsort und sind auf Altgriechisch verfasst. Und das, was bisher ediert werden konnte, ist geradezu sensationell!“, betont Prof. Dr. Charikleia Armoni, apl. Professorin für Papyrologie an der Universität zu Köln und Kustodin der Kölner Papyrussammlung. „Es handelt sich um ganz unterschiedliche Texte – angefangen von verloren geglaubter altgriechischer Literatur über dokumentarische Papyri, also Gebrauchstexte wie Privatbriefe, Verträge oder amtliche Dokumente bis hin zu einem sehr umfangreichen Amnestieerlass vom Ende des zweiten Jahrhunderts vor Christus. Bis zu dieser Entdeckung wusste man überhaupt nicht, wie ein solcher Erlass zu dieser Zeit ausgesehen hat!“, erläutert Armoni. „All diese Dokumente erlauben uns, einen sehr detaillierten und auch sehr ungefilterten Blick in den Alltag der damaligen Gesellschaft zu werfen.“ Und das ist allerdings erst der Anfang. Der weitaus größte Teil der Sammlung, rund 20.000 Fragmente, lagert seit den 1930er-Jahren in der Bancroft Library der University of California in Berkeley – und wartet darauf, im neuen Akademieprojekt der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste entdeckt zu werden.

20.000 Fragmente an zwei Arbeitsstellen

Projektleiterin Dr. Charikleia Armoni

Projektleiterin Dr. Charikleia Armoni, apl. Professorin für Papyrologie an der Universität zu Köln

Charikleia Armoni

Für die bislang unerforschten Papyri von Tebtynis beginnt seit 2026 ein neues Kapitel – mit dem Akademieprojekt „Die Krokodil- und Menschenmumien von Tebtynis: KI-gestützte Zusammenführung und editorische Erschließung hellenistischer Papyri der Bancroft Library (Berkeley)". Betreut wird es an zwei Arbeitsstellen in Köln und in Münster. Das Akademieprojekt steht unter der Leitung von Prof. Dr. Charikleia Armoni, apl. Professorin für Papyrologie an der Universität zu Köln und Kustodin der Kölner Papyrussammlung, Prof. Dr. Jürgen Hammerstaedt, Lehrstuhlinhaber für Klassische Philologie und Papyrologie an der Universität zu Köln sowie Prof. Dr. Patrick Sänger, Professor für Alte Geschichte an der Universität Münster.

Das Forscherteam hat sich in der 15-jährigen Laufzeit einer großen Aufgabe verschrieben: ein historisches Puzzle zu lösen, das bislang zum Scheitern verurteilt war. „Das Material ist so fragmentiert, dass bisher selbst sehr tüchtige Papyrologen ohne technische Hilfe einfach nicht weiterkommen konnten“, berichtet Armoni und führt aus: „Wenn es einen Weg gibt, dieses spannende Material zu erschließen, dann führt dieser Weg über neue technologische Möglichkeiten, über Künstliche Intelligenz. Im Rahmen unseres Projekts wollen wir ein KI-gestütztes Modell entwickeln, das uns erlauben wird, die unzähligen Fragmente aus Tebtynis zusammenzuführen – und wenn uns das gelingt, kann es auch für andere Fundstellen genutzt werden.“

Forschungsgehilfe KI

Vom Projektteam aufgebaute Anlage für die Digitalisierung im Center for the Tebtunis Payri

Vom Projektteam aufgebaute Anlage für die Digitalisierung im Center for the Tebtunis Payri 

Cologne Center for eHumanities

20.000 Fragmente aus einer einzigen Ausgrabungsstätte zusammenzufügen – eine schier unlösbare Aufgabe. Was für das menschliche Hirn kaum zu bewältigen ist, kann mit KI schnell ein Muster ergeben. Mit eigens entwickelten KI-gestützten Methoden wollen die Forscherinnen und Forscher mit dem sogenannten Fragment-Matching zusammengehörige Papyrusstücke identifizieren. „Das, was wir von unserem KI-Modell zunächst einmal wollen, ist, dass es uns sagt, welche Fragmente von ihrer Farbe, ihren Fasern, ihrem Faserverlauf oder anderen charakteristischen Merkmalen ähnlich ausschauen“, erläutert Armoni. „Das hilft uns, Fragmente einander zuzuordnen. Gelingt es, einzelne Fragmente wieder miteinander zu verbinden, lassen sich, so unsere Hoffnung, bislang unverständliche Texte rekonstruieren. Wir versprechen uns gänzlich neue Einblicke ins Alte Ägypten, in eine Gesellschaft, in der griechische und ägyptische Traditionen aufeinandertrafen, in ganz unterschiedlichen Bereichen des alltäglichen Lebens.“

Seit Projektstart ist das Forscherteam dabei, den Bestand in Berkeley zu digitalisieren und das neue KI-Tool zu entwickeln und zu trainieren. Unterstützt werden sie vom Center for the Tebtunis Papyri in Berkeley und vom Cologne Center for eHumanities (CCeH). Geplant ist eine gedruckte Edition und auch eine digitale Publikationsplattform, auf der die Ergebnisse der papyrologischen und althistorischen Forschung zugänglich gemacht werden – für die Fachwelt ebenso wie für die interessierte Öffentlichkeit.

Wissen für die Zukunft

Der Schwerpunkt des Akademieprojekts liegt auf der Entdeckung neuer Texte und neuer Methoden zur Erschließung der Texte. „Was uns aber ganz besonders am Herzen liegt, ist die Ausbildung neuer Papyrologinnen und Papyrologen. Wir möchten ein internationales Netzwerk von Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern aufbauen und sie sowohl in der Textedition als auch im Umgang mit KI-gestützten Methoden schulen“, betont Armoni. Schon jetzt ist die Wissenschaftscommunity des Kleinen Fachs Papyrologie offen für die neue digitale Welt, international aufgestellt und gut vernetzt: „Letztes Jahr haben wir in Köln den internationalen Papyrologenkongress organisiert, der alle drei Jahre stattfindet, und hatten 600 Teilnehmerinnen und Teilnehmer“, sagt Armoni. Bestimmt sind es bald mehr – zumal schon im kommenden Wintersemester neue Materialien zu den Krokodil- und Menschenmumien von Tebtynis in die Lehre einfließen.

Text: Katrin Schlotter

Vom Projektteam aufgebaute Anlage für die Digitalisierung im Center for the Tebtunis Payri

Vom Projektteam aufgebaute Anlage für die Digitalisierung im Center for the Tebtunis Payri 

Cologne Center for eHumanities

Fragmente der verlorenen Tragödie des Aischylos „Inachos“

Fragmente der verlorenen Tragödie des Aischylos „Inachos“ 

Center for the Tebtunis Payri, UC Berkeley

Anzeige wegen Diebstahls in einer Badeanstalt, 2. Jh. v.Chr.

Anzeige wegen Diebstahls in einer Badeanstalt, 2. Jh. v.Chr. 

Center for the Tebtunis Payri, UC Berkeley

a) Eine Karte von Faijum, welche die Position der antiken Stadt Tebtunis zeigt b) Der große Tempel zu Ehren des Krokodilgotts Sobek

a) Eine Karte von Faijum, welche die Position der antiken Stadt Tebtunis zeigt b) Der große Tempel zu Ehren des Krokodilgotts Sobek

Aldosari, M.A., Darwish, S.S., Adam, M.A. et al. Evaluation of preventive performance of kaolin and calcium hydroxide nanocomposites in strengthening the outdoor carved limestone. Archaeol Anthropol Sci 11, 3389–3405 (2019). https://doi.org/10.1007/s12520-018-0741-4

„Die Krokodil- und Menschenmumien von Tebtynis“

Im Rahmen des Akademieprojektes „Die Krokodil- und Menschenmumien von Tebtynis: KI-gestützte Zusammenführung und editorische Erschließung hellenistischer Papyri der Bancroft Library (Berkeley)“ werden rund 20.000 Papyrusfragmente aus Tebtynis inhaltlich erschlossen, editorisch bearbeitet und publiziert. Unterstützt werden die Forschenden aus Köln und Münster vom Center for the Tebtunis Papyri in Berkeley und dem Cologne Center for eHumanities (CCeH). Geplant ist eine Publikationsplattform, auf der die Ergebnisse des Projekts der internationalen papyrologisch-althistorischen Forschung und der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Betreuende Akademie: Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften

Projektleitung:

Prof. Dr. Charikleia Armoni, apl. Professorin für Papyrologie an der Universität zu Köln und Kustodin der Kölner Papyrussammlung
Prof. Dr. Jürgen Hammerstaedt, Lehrstuhlinhaber für Klassische Philologie und Papyrologie an der Universität zu Köln
Prof. Dr. Patrick Sänger, Professor für Alte Geschichte an der Universität Münster

Laufzeit: 2026 bis 2041