„Malalas-Kommentar“: Neue Einblicke in die Weltgeschichte der Spätantike
Oft zitiert und lange unterschätzt: die 18-bändige Weltchronik des Johannes Malalas, verfasst im 6. Jahrhundert. Dank des Akademieprojekts „Malalas-Kommentar“ der Heidelberger Akademie der Wissenschaften ist sie erstmals umfassend erschlossen und steht für weitere Forschungen bereit.
Mitarbeiter der Forschungsstelle arbeitet mit der Handschrift der Tübinger Theosophie in der Universitätsbibliothek in Tübingen
HAdW
Titelbild vom Band 4 der von der Forschungsstelle herausgegebenen Reihe „Malalas Studien“
HAdW/Franz Steiner Verlag
Als im 6. Jahrhundert im Oströmischen Reich eine verheerende Pest wütet, berichtet Johannes Malalas von überfüllten Städten, unzähligen Toten und einer Gesellschaft, die an ihre Grenzen stößt. Doch für ihn ist die Katastrophe nicht nur ein Ereignis, sondern Teil einer weitaus größeren Ordnung – einer Geschichte, die von der Schöpfung der Welt bis in seine eigene Zeit reicht.
In 18 Bänden, die größtenteils bis heute erhalten und übersetzt sind, spannt der Chronist einen Bogen von der biblischen Genesis über die Mythen der griechischen Antike bis zur Herrschaft Kaiser Justinians (527–565). Damit entsteht eines der frühesten und zugleich einflussreichsten Werke der byzantinischen Geschichtsschreibung – wie man heute weiß.
Lange Zeit jedoch wurde Malalas unterschätzt. „Er war zwar bekannt, aber man hielt ihn für einen minderbemittelten Schreiberling, der ein höchst naives und wenig zuverlässiges Werk verfasst hat“, sagt Professor Dr. Mischa Meier, der sich 2002 zum Thema „Das andere Zeitalter Justinians“ habilitierte. Dabei stellte er fest, dass „Malalas viel interessanter ist, als man bis dahin gedacht hat, weil er die Mentalität der Bevölkerung im 6. Jahrhundert erfahrbar macht.“ Seither treibt Meier die Malalas-Forschung voran, erst mit einer deutschen Übersetzung von Malalas und schließlich als Leiter des Akademieprojekts „Malalas-Kommentar“ der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, das von 2013 bis 2025 an der Universität Tübingen durchgeführt wurde, also dort, wo Meier seit 2004 eine Professur für Alte Geschichte innehat.
Malalas' Chronik neu bewertet
Prof. Dr. Mischa Meier (Photograph: Friedhelm Albrecht)
Universität Tübingen
Malalas‘ Chronik entsteht in einer Zeit tiefgreifender Veränderungen. Malalas reagiert auf diese Welt mit einem großen historischen Entwurf: Er ordnet die Gegenwart in eine umfassende Geschichte ein, die Vergangenheit, Mythen, Religion und Alltag miteinander verbindet.
Um dieses zentrale Werk besser zugänglich zu machen, hat das Forscherteam um Mischa Meier einen historisch-philologischen Kommentar zur Chronik des Johannes Malalas erarbeitet. Dafür analysierten sie den gesamten Text: Sie untersuchten die Quellen, erklärten historische Hintergründe, verglichen Malalas‘ Darstellung mit anderen antiken Berichten. Jede Passage wurde kommentiert und in ihren Kontext eingeordnet. Die digitale Vorveröffentlichung des systematischen philologisch-historischen Kommentars dient als Arbeitsinstrument, das dieses Werk erschließt, den Zugang zu ihm erleichtert und eine fundierte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihm ermöglicht.
Mitarbeiter der Forschungsstelle arbeitet anhand des Online-Kommentars
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„Unsere Ausgangsthese hat sich bestätigt: Malalas und seine Chronik sind von herausragender Bedeutung – zum einen als Quelle für das 6. Jahrhundert, zum anderen als Quelle dafür, wie man in der Spätantike im 6. Jahrhundert Geschichte konstruiert, also wie man aus der Vergangenheit heraus die eigene Gegenwart interpretiert“, betont Meier nach erfolgreichem Projektabschluss. „Doch Malalas’ Werk ist weitaus komplexer als lange angenommen“, so Meier, und erläutert. „Bei der 18-bändigen Weltchronik handelt es sich um einen ‚Living Text‘, den man sich als Geflecht und Netzwerk unterschiedlicher Texte vorstellen muss, die sich wechselseitig beeinflussen und dadurch immer weiter fortgeschrieben werden und ständig in Bewegung sind.“ Der Text, so wie wir ihn heute lesen können, ist in verschiedenen Phasen entstanden und wurde im Laufe der Zeit gekürzt oder fortgesetzt. Kein Wunder, dass hier ein Kommentar vonnöten ist!
Chronik aus dem prallen Leben
Mosaik der Wölfin mit Romulus und Remus (cf. Malalas, Chronographia, VII 7), c. 1,37 x 1,33 m, 4. Jh. n. Chr., aus Isurium Brigantum (Aldborough), heute im Leeds City Museum
Leeds City Council
Über Malalas selbst ist jedoch noch immer wenig bekannt. Johannes Malalas wird vermutlich um das Jahr 490 in Antiochia (in der heutigen Türkei) geboren, damals eine der größten Städte des östlichen Mittelmeerraums. Vieles deutet darauf hin, dass er in der Verwaltung des Oströmischen Reiches arbeitet. Später scheint er nach Konstantinopel überzusiedeln, in die Hauptstadt des Reiches.
Was man aber weiß ist, dass Malalas im Gegensatz zu anderen antiken Chronisten nicht für eine kleine gebildete Elite schreibt. „Malalas ist ein Autor, der einfach andere Anliegen hat als die sogenannte klassizistische Historiografie. Geschichte erscheint bei ihm nicht nur als Abfolge von Kriegen und Machtwechseln. Er berichtet über Naturkatastrophen, spektakuläre Vorfälle in Städten, Intrigen, religiöse Wunder oder außergewöhnliche Lebensgeschichten. Er schildert das pralle Leben – und eben auch sehr viel Alltagsgeschichte. Gerade diese Perspektive macht die Chronik für die heutige Forschung so wertvoll. Sie zeigt, wie Menschen der Spätantike Geschichte erleben, wahrnehmen und deuten“, erklärt Meier.
Göttliche Signale statt Weltuntergang
Mitarbeiterin der Forschungsstelle arbeitet an der Datenbank
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Besonders aufschlussreich sind die letzten Bücher der Chronik, die die von Malalas selbst erlebte Zeit behandeln. Sie zählen zu den wenigen zeitnahen Quellen aus dieser krisengeschüttelten Zeit und zeigen zudem, wie Malalas Geschichte deutet. „Im 6. Jahrhundert war die Erwartung verbreitet, dass um das Jahr 500 herum die Welt untergehen würde. Bei Malalas sind – anders als sonst in der Historiographie dieser Zeit üblich – Katastrophen kein Zeichen für ein nahendes Ende der Welt, sondern vielmehr Signale, die Gott den Menschen sendet, um sie in Angst zu versetzen, damit sie sich wieder zu tugendhaftem Leben hinwenden“, erläutert Meier und ergänzt: „Und das macht er, das ist eine interessante Beobachtung, im Grunde parallel dazu, wie Kaiser Justinian Katastrophen deutet. Malalas versucht für die Gegenwart, diese Deutung besonders zu profilieren, um gegen den Endzeitglauben anzuschreiben. Und deswegen sind die Katastrophen, die er in der Vergangenheit beschreibt, auch so wichtig für ihn. Er macht das implizite Argument: „Schaut her, bei all diesen Krisen ist die Welt nicht untergegangen!“ Vergangenheit dient bei Malalas also nicht nur der Erinnerung – sie erklärt die Gegenwart.
Malalas-Forschung voraus
Vorstellung der Funktionen des Online-Kommentars
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Der Online-Kommentar ermöglicht es, die Chronik präzise zu lesen und historisch einzuordnen. Zudem gibt sie fundierte Einblicke in kultur- und mentalitätsgeschichtlich relevante Aspekte, die über die sonst erhaltenen Quellen nicht gewonnen werden können. Nicht zuletzt besitzt der Text großen Wert für Fragestellungen, die auf die Entstehung und Entfaltung christlicher Geschichtsschreibung sowie allgemein der christlichen Memorialkultur der Spätantike zielen. Nach erfolgreichem Projektabschluss im Sommer 2025 sind ergänzend zum Online-Kommentar acht gedruckte Bände in Vorbereitung und erscheinen voraussichtlich 2026.
„Mit unserem Akademieprojekt 'Malalas-Kommentar', den internationalen Tagungen und bisherigen Publikationen haben wir zum einen die Malalas-Forschung angekurbelt und zum anderen eine Grundlage dafür geschaffen, dass sie jetzt auch selbstständig weitergehen kann“, resümiert Meier. „Erfreulicherweise wird immer mehr zu Malalas geforscht, jetzt kommen auch eigenständige Monografien auf den Markt. Und was mit Sicherheit noch intensiver erforscht werden kann und muss, ist, welche Stellung Malalas nun ganz konkret innerhalb der Spätantike einnimmt. Er ist nach wie vor der große Unbekannte!“
Text: Katrin Schlotter
Rückseite einer Bronzemünze des Kaisers Philippus I. (244-249) aus Apameia in Phrygien: Noah und seine Frau in und neben der Arche, die in Apameia gelandet wäre (cf. Malalas, Chronographia, I 4); (https://rpc.ashmus.ox.ac.uk/type/20588)
RPC Online
Mitarbeiter arbeiten im Büro der Forschungsstelle
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Titelblatt der editio princeps der Chronographia, durch Edmund Chilmead (1610-1654) vorbereitet und 1691 durch Richard Bentley (1662-1742) in Oxford veröffentlicht; aus einem Exemplar, das Bentley Joachim Friedrich Feller (1673-1726) gewidmet hat, heute in der Nationalbibliothek der Tschechischen Republik: archive.org
Digitalisat: Google Books / Internet Archive, Public Domain Mark 1.0.
Mitarbeiter der Forschungsstelle arbeitet in der Universitätsbibliothek in Tübingen
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Kaiser Justinian I. (527-565) und seine Gefolge, Mosaik von San Vitale in Ravenna, 6. Jh. n. Chr.
Wikipedia/Bender 235
Kaiserin Theodora und ihre Gefolge, Mosaik von San Vitale in Ravenna, 6. Jh. n. Chr.
Wikipedia/Bender 235
Das Akademieprojekt „Malalas-Kommentar“
Im 6. Jh. n. Chr. verfasste Johannes Malalas eine Weltchronik – eine Darstellung der Geschichte von Adam und Eva bis in seine eigene Zeit. Die Weltchronik des Malalas besitzt herausragende Bedeutung für die mittelalterliche Geschichtsschreibung: Nachfolgende byzantinische Chronisten haben sich nicht nur an ihrem Aufbau orientiert, sondern auch vielfach Teile des Textes übernommen und weiter ausgearbeitet, sodass Malalas’ Werk einen Grundpfeiler der byzantinischen Historiographie darstellt. Vorrangiges Ziel des Akademieprojekts „Malalas-Kommentar“ der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, das von 2013 bis 2025 unter der Leitung von Prof. Dr. Mischa Meier an der Universität Tübingen durchgeführt wurde, war die Erarbeitung eines historisch-philologischen Kommentars zur Chronik des Johannes Malalas. Mit diesem Kommentar wurde ein Arbeitsinstrument vorgelegt, das den Zugang zum Werk erleichtert und eine fundierte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihm ermöglicht.
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