Verstreute Quellen, unterschiedliche Fassungen, jahrhundertelange Irrtümer: Händels Werk gleicht einem Puzzle. Das Akademieprojekt „Hallische Händel-Ausgabe“ setzt es Stück für Stück neu zusammen — und macht Händels Musik für Bühne und Forschung neu erlebbar. Bald erscheint der 100. Notenband.
Messiah (HWV 56), Ausschnitt aus der autographen Partitur, British Library, London
gemeinfrei, Wikimedia commons
Porträt Georg Friedrich Händel von Hans List nach Miss Benson und Philip Mercier
Stiftung Händel-Haus Halle
Georg Friedrich Händel (1685–1759) zählt zu den prägenden Figuren des Barock. Geboren ist er in der Stadt Halle/Saale, genau dort, wo die Hallische Händel-Ausgabe entsteht. Eigentlich sollte Händel Jurist werden, doch seine Leidenschaft und Begabung für Musik waren stärker. Sein Werk reicht von Opern und Oratorien über Kirchenmusik bis zu Instrumentalstücken. Seine Opern waren zu seinen Lebzeiten populäre Werke, und die Oratorien, allen voran Messiah, waren nach seinem Tod in Europa zunehmend gefragt. Und sie beeinflussen die Musikgeschichte bis heute.
So umfangreich das Werk, so umfangreich seine Überlieferung: „Händel hat seine Stücke unter praktischen Gesichtspunkten bearbeitet: Ob Opern- oder Orchestermusik – er hat seine Kompositionen immer präzise auf die Fähigkeiten der jeweiligen Interpretinnen und Interpreten ausgerichtet“, betont Editorin Dr. Annette Landgraf, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Hallischen Händel-Ausgabe (HHA). Deshalb gibt es ganz unterschiedliche Quellen und Varianten von Händels Werk, nebst verlorenen Fassungen und verschiedensten Überarbeitungen. All das erschwert ein klares, verlässliches Bild. „Gut möglich, dass Musizierende und Forschende mit Notentexten arbeiten, die nicht immer eindeutig auf eine von Händels eigenen Fassungen zurückgehen. Genau hier setzt unsere kritische Edition an“, so die Musikwissenschaftlerin.
Unverzichtbar: eine kritische Gesamtausgabe
Quellenarbeit im Projekt, Dr. Teresa Ramer-Wünsche
Hendrik Wilken
Bereits seit 1955 entsteht in Halle (Saale) die Hallische Händel-Ausgabe (HHA) — eine historisch-kritische Gesamtausgabe aller Werke Händels. Ziel ist es, Händels gesamtes Œuvre auf Basis aller bekannten Quellen für Forschung und Praxis zugänglich zu machen. Das Editionsprojekt, derzeit unter der Leitung von Prof. Dr. Wolfgang Hirschmann, zählt zu den wichtigsten Editionsvorhaben, die von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz betreut werden. Herausgegeben wird sie von der Georg-Friedrich-Händel-Gesellschaft, verlegt im Bärenreiter-Verlag und gefördert im Rahmen des Akademienprogramms.
Schon vor der HHA gab es Ausgaben der Werke Händels, beispielsweise die frühen Drucke der Händel-Zeitgenossen John Walsh und John Cluer und nach 1766 von William Randall und H. Wright. Zudem gibt es die Versuche der Gesamtausgaben von Samuel Arnold (1787–1797), der English Handel Society (1843–1858), die Ausgabe der Deutschen Händel-Gesellschaft von Friedrich Chrysander (1858–1894) und außerdem die praktischen Ausgaben des Verlags Novello (1846ff.). „Alle diese Ausgaben sind aus heutiger Sicht unvollständig, teils auch widersprüchlich und entsprechen natürlich nicht der aktuellen Editionspraxis – aber sie sie dienen uns als wertvolle Quellen“, so Landgraf.
Die Hallische Händel-Ausgabe
Bände der Hallischen Händel-Ausgabe
Teresa Ramer-Wünsche
Die Hallische Händel-Ausgabe (HHA) ist auf 116 Notenbände mit kritischen Berichten und Faksimiles der Libretti zu Opern und Oratorien sowie 10 Supplement-Bände angelegt. Seit 1955 sind 100 Notenbände mit Kritischen Berichten, 8 Revisionsbände und 6 Bände Supplemente erschienen (Stand: JB 2025).
Eine solche kritische Gesamtausgabe erschließt und bewahrt Händels Werk in seiner Vielfalt und Tiefe: mit allen Fassungen, Entwürfen und Fragmenten. Sie dient als verlässliche Grundlage für Analyse, Aufführung und Interpretation. Jeder Band enthält einen sorgfältig edierten Notentext, ein Vorwort zur Entstehungsgeschichte sowie eine ausführliche Quellenanalyse nebst Aufführungs- und Interpretationshinweisen. Bei vokalen Werken kommen teilweise deutsche und englische Übersetzungen der Gesangstexte hinzu. Seit 1991 enthalten die Bände der Serien I und II (siehe Box) außerdem Faksimiles der historischen Libretti der Erstaufführungen. Am Ende der Laufzeit wird die HHA in über hundert Bänden sämtliche bis dahin bekannten Kompositionen Händels veröffentlicht haben.
Präzise Recherche, internationale Zusammenarbeit
Scipione (HWV 20), Erstausgabe, London: Cluer, 1726?, Frontispiz und Beginn der Ouverture
Stiftung Händel-Haus Halle
„Bei Händel gibt es noch unfassbar viel zu entdecken. Was mich am meisten fasziniert, ist, dass noch immer so viele Puzzlesteine zusammenzusetzen sind“, sagt Landgraf und erläutert: „Je tiefer wir in die Quellen einsteigen, sie lesen und uns damit beschäftigen, in welchem Jahr welche Fassung aufgeführt worden ist, desto mehr Fragen kommen auf. Es ist spannend herauszufinden, wie die Fassung höchstwahrscheinlich ausgesehen hat. In manchen Fällen können wir sicher sagen, wie sie gewesen ist, in anderen wiederum bieten wir Lösungsvorschläge an.“
Da Händel seine Werke für unterschiedliche Anlässe und Gegebenheiten anpasste, müssen Editorinnen und Editoren oft zwischen mehreren gültigen Fassungen unterscheiden. „Unser Grundprinzip ist, dass wir immer die Fassung der Erstaufführungen in den Hauptteil des Bandes bringen, soweit es möglich und aus den Quellen zu erschließen ist“, erklärt Landgraf und führt aus: „Wir geben Musikschaffenden nachvollziehbare Erklärungen für alle Varianten. Zudem dokumentieren wir erstmals gleichberechtigt sämtliche Fassungen der Werke, die der Komponist zu Lebzeiten geschrieben oder veranlasst hat. Diese sind in den Anhängen zu entdecken – für jede Spielzeit gibt es einen separaten Anhang. So entsteht eine Edition, die sowohl wissenschaftlich präzise als auch für die musikalische Praxis nachvollziehbar und gut nutzbar ist.“
Hinter jedem Band steht ein Team von Musikwissenschaftlern und Musikwissenschaftlerinnen, nicht nur aus Halle, sondern aus aller Welt; die Zusammenarbeit mit dem Handel Institute in Großbritannien und der American Handel Society in USA ist unerlässlich für den Erfolg des Vorhabens. Die Editorinnen und Editoren vergleichen Handschriften, Drucke, Bearbeitungen und Fragmente; sie rekonstruieren Fassungen, die Händel für verschiedene Anlässe bearbeitete; sie klären Zweifelsfälle und dokumentieren Eingriffe.
Die neu edierten Werke von Georg Friedrich Händel in der Hallischen Händel-Ausgabe (HHA) sind nicht nur für die Forschung relevant – sie liegen meist unmittelbar nach Erscheinen auf Notenpulten von großen Opernhäusern bis hin zu Spezialensembles. Viele Aufführungen werden erst durch die HHA möglich oder gewinnen durch sie an historischer Präzision. Die Edition ist vor allem aber eines: der Schlüssel zu Händels originärer Klangwelt. Sie zeigt Händel als pragmatischen, produktiven Komponisten — und macht nachvollziehbar, wie seine Werke entstanden sind.
„Wir haben mit den kleinen Bänden begonnen, die nicht so problematisch waren. Nun liegen richtig große Werke vor uns. Diese Werke, insbesondere die Oratorien, müssen zum großen Teil in zwei Bänden untergebracht werden. Wir haben unglaublich viel Material. Demnächst erscheint eine Neuausgabe des Messiah, vielleicht sogar auf 3 Bände aufgeteilt“, so Landgraf.
Gemeinsam mit dem Verlag pflegt das Akademieprojekt eine enge Zusammenarbeit mit der musikalischen Praxis, insbesondere in Halle an der Saale. „Wenn dort jedes Jahr die Händel- Festspiele eröffnet werden, gibt es regelmäßig Aufführungen auf Grundlage der Hallischen Händel-Ausgabe“, freut sich Landgraf. Bald erscheint der 100. Notenband – präsentiert zum Geburtstag Händels am 23. Februar. Herzlichen Glückwunsch!
Autorin: Katrin Schlotter
Joseph and his Brethren (HWV 59), Ausschnitt aus der Direktionspartitur, Schreiber: John Christopher Smith sen. mit Eintragungen von Händel, Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky, Link
Public Domain Mark 1.0
Titelblatt des Librettos zur Messiah-Aufführung, London: Watts, 1749?
Stiftung Händel-Haus Halle
Feierstunde zur Eröffnung der Händel-Festspiele 2025 in Halle (Saale)
Thomas Ziegler
Amadigi di Gaula (HWV 11), Händel-Festspiele 2024, Halle (Saale)
Anna Kolata
Georg Friedrich Händel - Hallische Händel-Ausgabe
Die Hallische Händel-Ausgabe wird von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz betreut. Dem Editorial Board gehören renommierte Händel-Forscher aus Deutschland, Großbritannien und den USA an. Sie ist auf 116 Notenbände mit kritischen Berichten und Faksimiles der Libretti zu Opern und Oratorien sowie 10 Supplement-Bände angelegt. Seit 1955 sind 100 Notenbände mit Kritischen Berichten, 8 Revisionsbände und 6 Bände Supplemente erschienen. (Stand: JB 2025).
Die HHA erscheint in fünf Serien und Supplementen:
Die Hallische Händel-Ausgabe wird gefördert von Bund und Land im Rahmen des Akademienprogramms aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, Bonn, sowie des Ministeriums für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung des Landes Sachsen-Anhalt, Magdeburg.
Editionsleiter: Prof. Dr. Wolfgang Hirschmann, Halle, und Prof. Dr. Donald Burrows, Cranfield/UK
Verlag: Bärenreiter-Verlag, Kassel
Laufzeit: 1955 bis 2031
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